Progress, Ausgabe 11/04
Echo ohne Stimme
Umstrukturierungen in der Wiener Jugendbetreuung haben in letzer Zeit für Aufregung und Verunsicherung gleichermaßen gesorgt: Hatte außerschulische Jugendarbeit in Wien bislang einen hohen Stellenwert, könnte mit Echo nun einer der verdienstvollsten Wiener Jugendvereine vor dem Aus stehen.
Martin Nowak und Eva Pilipp
Für viele Jugendliche ist es nicht möglich, sich nach der Schule mit FreundInnen in der elterlichen Wohnung zu treffen - für andere ist es schlicht zu uncool. So werden öffentliche Orte zu Jugendtreffpunkten. Ob in Parks, Einkaufszentren, Jugendzentren oder -vereinen: junge Menschen wissen ihre Zeit in der Großstadt zu gestalten. Außerschulische Jugendarbeit, von Parkbetreuung bis zu Theaterprojekten, ist ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des jugendlichen Lebens in der Stadt. "Ich treff' mich da mit meinen Freunden. Wir haben gemeinsam die Rapgruppe Klartext und proben hier", erzählt Engin bei unserem Besuch bei Echo. All das wäre bei einer Schließung des Vereins nicht mehr möglich, weshalb Engin auch sein Bandprojekt in Gefahr sieht. Georg ist Österreicher, kümmert sich um die musikalische Begleitung des Theaterstücls "Dirty Dishes" und schätzt an den Echo-Projekten das "integrative Gruppengefühl", das uns auch andere Jugendliche schildern. "Jugendliche verschiedenster Nationen treffen sich hier. Ich habe hier Freunde gefunden, die ich draußen nie kennen gelernt hätte", meint etwa Cafer, ein türkischer Kurde.
Ende der Autonomie? Echo ist ein Jugend-, Kultur- und Integrationsverein für gesellschaftlich benachteiligte Jugendliche. Die Arbeitsschwerpunkte der soziokulturellen Plattform in der Wiener Gumpendorferstrasse sind regionale und überregionale kulturelle Projekte sowie die Vereinszeitung Echo. Doch jetzt steht der verein kurz vor dem Aus. Der Grund: "Umstrukturierung" in der Wiener Jugendarbeit. Özden arbeitet seit mehreren Jahren als Sozialarbeiter bei Echo, für ihn ist die Vorgehensweise der Stadt Wien "unverständlich": "Für 2005 werden wir keine Subventionen mehr bekommen. Es ist keine Basis für eine Kooperation da, die Magistratsabteilung 13 hat uns die Veränderung nur per Bescheid mitgeteilt, den wir zu akzeptieren hatten!"
Im Wiener Rathaus fühlt sich dür den Fall Echo niemand so recht verantwortlich. Auf ein Ansuchen der Grünen, das Aus für Echo zu verhindern, reagierte Bügermeister Häupl nicht. Wer Auskunft in der Causa will, muss damit rechnen, am Telefon Dutzende Male abgewiesen zu werden. Was die zuständigen bei Echo vermissen, ist die Bereitschaft der Politik, über Inhalte und Ziele offen zu diskutieren. Die Medienarbeit des Vereins und seiner Zeitung sollen nun unter die Kuratel des Dachverbands ICE-Vienna Internet Center for Education kommen. Die Zahl der MitarbeiterInnen wird zwangsläufig von zehn auf zwei reduziert. Dass zwei von drei ICE-Vorsitzenden SPÖ-Gemeinderäte sind, wird von der Stadt Wien nur am Rande erwähnt. "Das wäre das Ende einer autonomen Einrichtung und das Ende von Echo als unabhängige Initiative", befürchtet Maria Vassilakou, Landtagsabgeordnete der Grünen in Wien.
Diversity Management. Angesichts der schwierigen Situation des Sozialbudgets scheint die Angst vieler unabhängiger Initiativen, unter die Räder zu kommen, berechtigt. In letzter Konsequenz würden darunter freilich vor allem die Jugendlichen leiden. Statt gemeinsam mit allen Beteiligten über Lösungen für die Jugenarbeit zu diskutieren, verhärten sich derweil die Fronten. "Diversity Management" lautet im Moment eines der wichtigsten Schlagwörter in der Wiener Stadtpolitik. Das Konzept zielt darauf ab, Unterschidlichkeit und Vielfalt jenseit von Diskriminierung und Ausgrenzung als Potenzial zu nutzen. Doch auch diese wohlklingende Formel kann immer nur so gut sein wie die Politik, die unter der losung faktisch gemacht wird. Von wirklicher Zusammenarbeit kann kaum gesprochen werden, wenn ein Jugendverein mit der Begründung geschlossen wird, dass die neue Diversitätspolitik keine Notwendigkeit in der Unterstützung spezieller Plattformen für Jugendliche der zweiten und dritten Generation sieht.
Unverzichtbare Jugendarbeit. Wichtig für erfolgreiche außerschulische Jugendarbeit ist die Förderung von kultureller Vielfalt, sozialer Intelligenz und verantwortungsvollem Handeln. Lobbyarbeit kommt dabei die Funktion zu, Kindern und Jugendlichen Gehör zu verschaffen und ihren Platz in der Gesellschaft zu sichern. Die Zukunft der Jugendarbeit sieht Jürgen Wutzlhofer, SP-Gemeinderat in Wien, als dynamischen Prozess. "Jugendorganisationen müssen mobiler gemacht werden, um im Bedarfsfall sofort vor Ort zu sein." Gibt es beispielsweise Gruppenrivalitäten, muss es den SozialarbeiterInnen möglich sein, sich rasch zu koordinieren und schnellstmöglich am Ort des Geschehens einzutreffen.
Integration spielt, zumal in Wien, dabei eine entscheidende Rolle. Immerhin entstammen 50 bis 90 Prozent der außerschulisch zu betreuenden Jugendlichen in der Bundeshauptstadt einem migrantischen Hintergrund. Viele der Projekte haben daher nicht österreichischstämmige LeiterInnen und BetreuerInnen. Bekannte Organisationen wie Echo, wienXtra oder der verein Wiener Jugendzentren versuchen den Brückenschlag zwischen Homogenisierung und Diversität und Jugendlichen.
Defizite. Insgesamt verfügt Wien über 32 Jugendzentren und etliche mobile Einrichtungen wie etwa "Back on Stage", "back bone" oder "Retten das Kind" - die sowohl zielgebiets- als auch zielgruppenorientert arbeiten. Viele Organistationen helfen Jugendlichen beispielsweise bei Bewerbungsschreiben oder fungieren wie Echo als Orientierungshilfen spieziell für migrantische Kids. Die Tatsache, dass Jugendliche er zweiten und dritten Genration teilweise nur schlecht deutsch sprechen und schreiben verweist auf Defizite in der Bildungspolitik. Doch sollte Diversitätspolitik nicht bedeuten, dass konkrete migrationsspezifische Bedürfnisse vereinheitlicht werden und unter diesem Aspekt Vereine und Organisationen einfach vereinnahmt und in magistratische Dachverbände eingegliedert werden.
Der Fall Echo lässt befürchten, dass die Eigenständigkeit einer kritischen jugend- und Kulturarbeit in Wien künftig eingeschränkt wird. Dies würde die Gefahr bergen, dass Jugendarbeit zum Spielball der Politik verkommt - letzendlich auf Kosten der Jugendlichen.
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