delight kultur

...und sonstige schwachsinnigkeiten

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Im Frühjahr 2001 ist es dann wieder einmal soweit: die Parteien rüsten auf für die Wiener Gemeinderatswahlen. Alle MigrantInnen und Migranten, alle AntirassistInnen und Antirassisten in Deckung: es erwarten uns Wochen und Monate voller bunter Plakate „ein bisserl für“ und „total gegen“ uns. Die Stadt wird eine Atmosphäre erleben, die manche zur Lynchjustiz, andere zur christlichen Toleranz oder, besser gesagt, Duldung, aufrufen wird. Sprich, der Ausländerwahlkampf kann beginnen. Dazwischen ein paar Grautöne, die andere Inhalte auch noch für wichtig erachten, aber als Hauptproblem in dieser Stadt der Walzerklänge werden immer noch die MigrantInnen und ScheinasylantInnen gehandelt. Sie stehlen, dealen, sind illegal, verbreiten Tuberkulose, tragen Kopftücher, bekommen Hormone, fügen sich nicht der österreichischen Leitkultur und Wien darf nicht Chicago werden. Dann fällt zwischendurch das Alibiwort INTEGRATION.

Parteien, die uns schon während den Nationalratswahlen mit ihren Wahlplakaten an jeder Ecke auflauerten und uns eine Nichtzugehörigkeit suggerierten, wollen uns doch im Grunde nur integrieren, sie meinen es gut mit uns. Integriert euch, denn sonst gehört ihr nicht dazu, zieht euch so an wie die Mehrheit, sprecht die Sprache der Mehrheit, eßt doch auch mal einen Schweinsbraten, betrinkt euch doch auch mal so richtig, legt doch euer Kopftuch ab und betet, wenn es sein muß, aber bitte in einer stinknormalen katholischen Kirche. Denn das ist die wahre Integration und dann erst gehört ihr dazu.

INTEGRATION, das ist das Zauberwort, das uns seit Jahren glauben läßt, die Politik bemüht sich um uns. Ein Modewort, das jede Partei als Alibi benützt, mißbraucht und ausspuckt, wie es gerade passt. Nur ein inhaltloses Wort, das bestenfalls ein paar inhaltlose Arbeitsplätze schafft. Nur eines soll man nicht vergessen: dieser Begriff richtet sich aus logischen Gründen nicht nur an die MigrantInnen, sondern auch an z.B. homosexuelle Menschen, an Österreicher, die zum Buddhismus übertreten oder sich zu einer anderen Glaubensrichtung bekennen, sich nicht den sogenannten Normen der Gesellschaft fügen, auch sie werden getadelt sich nicht von der Mehrheitskultur leiten zu lassen. Doch wir können uns nur einer Kultur fügen, die uns darin unterstützt so zu sein, wie wir sind, alles andere führt zu einer gefährlichen und mittlerweile salonfähigen Hexenjagd, die man bereuen wird.

Auch die Orientierung der Politik nach Meinungsforschung oder den Vorgaben von rechtsextremen Parteien führt hier zu einer wachsenden Sympathie für fremdenfeindliche Positionen. Der vorauseilende Gehorsam der Sozialdemokraten sei hier genauso erwähnt, wie die Gutmütigkeit der Grünen und die kirchliche Toleranz der ÖVP. Doch alle richten ihre Politik nach der angeblichen Tatsache, die MigrantInnen würden ein Problem darstellen. Im Grunde beweist die österreichische Politik hier nur, dass die kranke Seele der Vergangenheit nicht geheilt ist. Andere Erklärungsmodelle wären auch mir lieber, doch ich finde keine.

„Man muß Einwanderern, die aus einem anderen Kulturkreis kommen sagen, daß sie hier nicht so weiterleben können, wie in ihrer alten Heimat.“

„Wir arbeiten an Formulierungen für den Wiener Wahlkampf, die man nicht mehr gegen uns verwenden kann.“ (entnommen aus einem Interview mit dem Wiener Spitzenkandidaten der FPÖ, Hilmar Kabas). Na ja, hoffentlich werden diese Formulierungen dann überhaupt noch verstanden von ihren Wählern, kommt es uns ganz böse von den Lippen. Der schummrige, grantige, langsame Wiener Alltagsrassismus, ein Teil der österreichischen Kultur und Politik. Das „Granteln“ haben viele von uns MigrantInnen, integrativ wie wir sind, angenommen, doch unsere Werte und Traditionen werden wir nicht aufgeben, um als von der Politik ferngesteuertes Wesen nur unseren Bürgerpflichten, ohne Bürgerrechten, nachzukommen, damit dem Durchschnittsösterreicher bewiesen ist, dass wir brav und zivilisiert sind.

Frauen mit Kopftuch ist eines der Lieblingsbeispiele für Nichtanpassung. So wie damals die Juden, die zwei Locken und schwarze Gewänder trugen. Ja ja, das große Opfer Österreich wird immer wieder heimgesucht von unzivilisierten Gestalten. Was für eine Qual für unser schönes Österreich. Aus der Geschichte könnte man schon lernen, wenn man auch Parallelen zu dieser aufbauen würde, aufzeigen würde, welche Tendenzen im Moment vorherrschen.

Seht her mit welchen Themen wir uns im 21. Jahrhundert, im dritten Jahrtausend herumschlagen! Nun man kann sich noch ein weiteres Jahrhundert über Überfremdungs- und Asylmißbrauchskultur aufregen. Man kann aber auch versuchen, im Gegenzug dazu, eine selbstbewußte Gegenkultur aufzubauen, in der oben erwähnte Diskussionsthemen nicht diskutiert werden. Wir ECHOten haben uns für den nächsten Wahlkampf eine eigene Methode überlegt, wie wir uns am besten behaupten können. In Kooperation mit gettoattack, ANAR und der Initiative Minderheiten haben wir eine eigene Wahlkampagne entwickelt, an Hand dieser wir versuchen wollen, den politischen Raum nicht allein den Parteien zu überlassen. Die 2. Generation wird sich als Wählerzielgruppe schmackhaft machen. Auch wir werden die Wiener Straßen mit Plakaten bereichern, die im Gegensatz zu politischer Hetze und Menschenfeindlichkeit, zum Wählen gegen rassistische Inhalte motivieren sollen. Nur eine Steigerung der Wahlbeteiligung ist uns hier weniger ein Anliegen, als die Auseinandersetzung der 2. Generation mit der Politik. Wir wollen keine Opfer mehr sein, sondern zeigen, daß wir nicht das wahre Problem in diesem Land sind. Die wahren Probleme liegen in der nicht bewältigten Vergangenheit, mit der wir als 2. Generation und auch unsere Elterngeneration konfrontiert werden. Hätten die MigrantInnen gewußt, daß dem so ist, sie hätten es sich zweimal überlegt. Ihr Wunsch war es ursprünglich in einem europäischen, westlichen, demokratischen, aufgeschlossenem Land zu leben. Ob sich das verwirklicht hat, sei dahin gestellt.

Wir hoffen, dass unsere Wahlkampagne ihren Sinn erfüllt, denn wenn nicht, fällt sogar uns nichts mehr ein.

 

Ani Gülgün Mayr

Obfrau des Vereins ECHO