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Sie
haben eine Klosterschule besucht. Haben Sie sich deswegen oder trotzdem
für die islamische Kultur interessiert?
B.Frischmuth: Dass ich mich für islamische Kultur, oder überhaupt
für orientalische Kultur interessiert habe, hat eher mit Tausendundeine
Nacht zu tun. Das war mein Lieblingsbuch. Ich wollte einfach vom
Sprachlichen und von dieser anderen Kultur her eben Orientalistik, bzw.
irgendeine orientalische Sprache machen, weil ich aus einem Dorf komme
und es nur eine Straße rein und wieder raus gibt, und ich glaube,
wenn man in so einem Dorf aufwächst, dann möchte man so weit
weg wie möglich.
Wann haben Sie sich entschlossen, Schriftstellerin zu werden?
B.Frischmuth: Ich wollte das immer schon. Ich hab schon als Kind geschrieben,
und wollte immer Schriftstellerin werden. Nur war mir klar, dass ich
das nicht einfach beschließen kann, sondern, man muss ja auch
von irgendwas leben, und dann wollte ich etwas studieren, was so nah
wie möglich an der Literatur war, eben Philologie und Dolmetsch,
um auch zu übersetzen, und mich mit der Literatur anderer Kulturen
zu beschäftigen.
Haben Sie die Entscheidung jemals bereut, Schriftstellerin zu werden?
B.Frischmuth: Nein, ich kann nicht anders. Ich könnte mir nicht
vorstellen, irgendwas anderes zu tun.
Ist Sprache für Sie eher ein Mittel oder Zweck?
B.Frischmuth: Wir alle haben mit Sprache zu tun, aber die Beschäftigung
mit Sprache in der Literatur ist natürlich eine besondere. Und
die war mir immer ein Bedürfnis. Auch dieses Formulieren, also
die Welt verstehbar zu machen. Wir alle benützen die Sprache als
Mittel der Verständigung, aber Literatur ist noch etwas darüber
hinaus. Es kommt das ästhetische Moment hinzu, und es kommt die
Innovation, das Neue hinzu. Die Literatur braucht daher auch immer einen
anderen Blickwinkel, nicht den üblichen, auf den man sich im Alltag
verständigt hat.
Welche Sprachen beherrschen Sie?
B.Frischmuth: Also beherrschen tu ich keine, die Sprachen beherrschen
mich. Ich spreche Englisch, ich spreche Türkisch, ich spreche noch
ein bißchen Ungarisch, das heißt, ich leide sowohl im Türkischen
als auch im Ungarischen ein bißchen an Mangel an Übung beim
Sprechen. Also ich lese weiterhin in diesen Sprachen.
Ich hab mal Arabisch gelernt in der Orientalistik, und ich hab auch
Persisch gelernt, aber das war vor 40 Jahren ungefähr, und wenn
man das nicht übt, dann ist es weg.
Was verstehen Sie unter dem Begriff Integration?
B.Frischmuth: Ich verstehe unter Integration ein Miteinander, ein Einpassen
aller in ein Mosaik. Ich glaube, dass Integration nur möglich ist,
wenn man einander auf halbem Weg entgegenkommt, in alle Richtungen.
Das hat in meinen Augen nichts mit Assimilation zu tun, sondern eher
mit dem Willen, in einem Land auch für dessen Bestes zu arbeiten
oder zu sein, weil man es als das Eigene akzeptiert.
Diesen Begriff muss jeder Immigrant für sich selber klären,
jeder nach seinem Gutdünken. Man soll sich aber mit diesem Land
identifizieren. Ich glaube, dass Integration nicht innerhalb einer Generation
geleistet werden kann. Von Einzelnen sehr wohl.
Der Begriff Heimat für Sie: positiv oder negativ?
B.Frischmuth: Ich komme noch aus der Generation, die mit Heimat
so ihre Probleme hat, nämlich in Reaktion auf den Nationalsozialismus,
der diesen Begriff ja schamlos missbraucht hat. Ich glaube, man kommt
langsam wieder zu einem entspannteren Heimatbegriff. Für mich ist
Heimat das, wo ich leben kann, wo ich leben möchte, wo mir auch
die Traditionen in irgendeiner Weise entgegenkommen, vertraut sind,
auch, wenn ich sie nicht alle befolge.
Ich würde diesen Begriff so emotionslos wie möglich verwenden:
Als den Ort, an dem ich mich geborgen fühle.
Stichwort Islamophobie: Können Sie die Angst verstehen?
B.Frischmuth: Nachdem ich mich selber sehr viel damit beschäftigt
habe, habe ich wirklich keine Angst vor dem Islam.
Für mich ist der Islam kein Block, genausowenig wie das Christentum.
Für mich gibt es den Islam ja ohnehin nicht.
Man muss sehr unterscheiden zwischen dem, was Islam theologisch bedeutet,
und zwischen den Traditionen, also der Lebensform, die unterschiedlich
ist. Auf den Philippinen wird der Islam wahrscheinlich anders gelebt
als, in Marroko.
Ich glaube, überall, wo Menschen zusammenkommen, gibt es diese
Phänomene. Es liegt an uns, an den Menschen, die ein bißchen
mehr nachdenken, mit viel Geduld und Hartnäckigkeit, diese Dinge
wieder auszuräumen.
Sie sind Feministin. Was verstehen Sie unter Emanzipation?
B.Frischmuth: Ich habe mich immer gewissermaßen als Feministin
empfunden, aber weniger als eine Theoretikerin des radikalen Feminismus,
eher als eine Feministin der Tat. Ich hätte sonst meine Karriere
und mein Leben nicht so leben können. Ich war auch lange Zeit alleinerziehende
Mutter. Ich muss auch sagen, dass ich mich als Frau nie von männlichen
Kollegen diskriminiert gefühlt habe.
Unter Emanzipation kann sehr viel verstanden werden, vor allem aber,
und ich glaube, darum kommt unsere Welt nicht herum, dass man auf die
Kreativkraft der Frauen nicht verzichten kann. Unsere Gesellschaft ist
zu komplex. Man kann es sich nicht mehr leisten, Frauen nur für
Hausarbeit einzusetzen. Das ist ein Zug, der abgefahren ist.
Schlußwort an die 2. Generation?
B.Frischmuth: Die Hoffnung nicht aufgeben.
Was ich vermisse ist, dass Türken oder junge Araber zweiter Generation,
offensiver ihre Kultur darstellen, dass sie an die Volkshochschulen
gehen, dass sie sagen, bitte, wir haben etwas zu bieten, wir haben was
mitgebracht. Also, dass man die eigenen Werte besser propagiert. Ich
glaube, das liegt an diesen jungen Menschen, dass sie mit ihrer eigenen
Kultur meistens nicht mehr viel zu tun haben. Weil jemand, der die eine
Kultur sehr gut kennt, und die andere hier automatisch mitkriegt, der
kann sich auch leichter entscheiden, was er von welcher Kultur mitbringt.
Aber ich glaube, dass bei vielen der 2. Generation so ein nebuloser
Begriff des Eigenen da ist. Ich würde mir manchmal wünschen,
dass sich junge Menschen mehr mit ihrer Herkunft beschäftigen würden,
weil ich glaube, dann werden sie auch sicherer, und man könnte
in Österreich etwas davon profitieren, vielleicht.

Interview:
Hager Hussein (19)
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