die zweite generation soll sich zu wort melden

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Von Barbara Frischmuth, der bekannten österreichichen Schriftstellerin, habe ich bereits einige Romane gelesen, und ich war von ihrer klaren Ausdrucksweise beeindruckt. Als ich eines Tages las, dass sie anlässlich der Preisverleihung des Deutschen Friedens-preises an Asia Djebar, einer algerischen Schriftstellerin, eine Rede hielt, kam mir die Idee, mit Barbara Frischmuth persönlich ein Gespräch zu führen. Hier das Ergebnis.

Sie haben eine Klosterschule besucht. Haben Sie sich deswegen oder trotzdem für die islamische Kultur interessiert?
B.Frischmuth: Dass ich mich für islamische Kultur, oder überhaupt für orientalische Kultur interessiert habe, hat eher mit “Tausendundeine Nacht” zu tun. Das war mein Lieblingsbuch. Ich wollte einfach vom Sprachlichen und von dieser anderen Kultur her eben Orientalistik, bzw. irgendeine orientalische Sprache machen, weil ich aus einem Dorf komme und es nur eine Straße rein und wieder raus gibt, und ich glaube, wenn man in so einem Dorf aufwächst, dann möchte man so weit weg wie möglich.
Wann haben Sie sich entschlossen, Schriftstellerin zu werden?
B.Frischmuth: Ich wollte das immer schon. Ich hab schon als Kind geschrieben, und wollte immer Schriftstellerin werden. Nur war mir klar, dass ich das nicht einfach beschließen kann, sondern, man muss ja auch von irgendwas leben, und dann wollte ich etwas studieren, was so nah wie möglich an der Literatur war, eben Philologie und Dolmetsch, um auch zu übersetzen, und mich mit der Literatur anderer Kulturen zu beschäftigen.
Haben Sie die Entscheidung jemals bereut, Schriftstellerin zu werden?
B.Frischmuth: Nein, ich kann nicht anders. Ich könnte mir nicht vorstellen, irgendwas anderes zu tun.
Ist Sprache für Sie eher ein Mittel oder Zweck?
B.Frischmuth: Wir alle haben mit Sprache zu tun, aber die Beschäftigung mit Sprache in der Literatur ist natürlich eine besondere. Und die war mir immer ein Bedürfnis. Auch dieses Formulieren, also die Welt verstehbar zu machen. Wir alle benützen die Sprache als Mittel der Verständigung, aber Literatur ist noch etwas darüber hinaus. Es kommt das ästhetische Moment hinzu, und es kommt die Innovation, das Neue hinzu. Die Literatur braucht daher auch immer einen anderen Blickwinkel, nicht den üblichen, auf den man sich im Alltag verständigt hat.
Welche Sprachen beherrschen Sie?
B.Frischmuth: Also beherrschen tu ich keine, die Sprachen beherrschen mich. Ich spreche Englisch, ich spreche Türkisch, ich spreche noch ein bißchen Ungarisch, das heißt, ich leide sowohl im Türkischen als auch im Ungarischen ein bißchen an Mangel an Übung beim Sprechen. Also ich lese weiterhin in diesen Sprachen.
Ich hab mal Arabisch gelernt in der Orientalistik, und ich hab auch Persisch gelernt, aber das war vor 40 Jahren ungefähr, und wenn man das nicht übt, dann ist es weg.
Was verstehen Sie unter dem Begriff “Integration”?
B.Frischmuth: Ich verstehe unter Integration ein Miteinander, ein Einpassen aller in ein Mosaik. Ich glaube, dass Integration nur möglich ist, wenn man einander auf halbem Weg entgegenkommt, in alle Richtungen.
Das hat in meinen Augen nichts mit Assimilation zu tun, sondern eher mit dem Willen, in einem Land auch für dessen Bestes zu arbeiten oder zu sein, weil man es als das Eigene akzeptiert.
Diesen Begriff muss jeder Immigrant für sich selber klären, jeder nach seinem Gutdünken. Man soll sich aber mit diesem Land identifizieren. Ich glaube, dass Integration nicht innerhalb einer Generation geleistet werden kann. Von Einzelnen sehr wohl.
Der Begriff “Heimat” für Sie: positiv oder negativ?
B.Frischmuth: Ich komme noch aus der Generation, die mit “Heimat” so ihre Probleme hat, nämlich in Reaktion auf den Nationalsozialismus, der diesen Begriff ja schamlos missbraucht hat. Ich glaube, man kommt langsam wieder zu einem entspannteren Heimatbegriff. Für mich ist Heimat das, wo ich leben kann, wo ich leben möchte, wo mir auch die Traditionen in irgendeiner Weise entgegenkommen, vertraut sind, auch, wenn ich sie nicht alle befolge.
Ich würde diesen Begriff so emotionslos wie möglich verwenden: Als den Ort, an dem ich mich geborgen fühle.
Stichwort Islamophobie: Können Sie die Angst verstehen?
B.Frischmuth: Nachdem ich mich selber sehr viel damit beschäftigt habe, habe ich wirklich keine Angst vor dem Islam.
Für mich ist der Islam kein Block, genausowenig wie das Christentum. Für mich gibt es “den” Islam ja ohnehin nicht.
Man muss sehr unterscheiden zwischen dem, was Islam theologisch bedeutet, und zwischen den Traditionen, also der Lebensform, die unterschiedlich ist. Auf den Philippinen wird der Islam wahrscheinlich anders gelebt als, in Marroko.
Ich glaube, überall, wo Menschen zusammenkommen, gibt es diese Phänomene. Es liegt an uns, an den Menschen, die ein bißchen mehr nachdenken, mit viel Geduld und Hartnäckigkeit, diese Dinge wieder auszuräumen.
Sie sind Feministin. Was verstehen Sie unter Emanzipation?
B.Frischmuth: Ich habe mich immer gewissermaßen als Feministin empfunden, aber weniger als eine Theoretikerin des radikalen Feminismus, eher als eine Feministin der Tat. Ich hätte sonst meine Karriere und mein Leben nicht so leben können. Ich war auch lange Zeit alleinerziehende Mutter. Ich muss auch sagen, dass ich mich als Frau nie von männlichen Kollegen diskriminiert gefühlt habe.
Unter Emanzipation kann sehr viel verstanden werden, vor allem aber, und ich glaube, darum kommt unsere Welt nicht herum, dass man auf die Kreativkraft der Frauen nicht verzichten kann. Unsere Gesellschaft ist zu komplex. Man kann es sich nicht mehr leisten, Frauen nur für Hausarbeit einzusetzen. Das ist ein Zug, der abgefahren ist.
Schlußwort an die 2. Generation?
B.Frischmuth: Die Hoffnung nicht aufgeben.
Was ich vermisse ist, dass Türken oder junge Araber zweiter Generation, offensiver ihre Kultur darstellen, dass sie an die Volkshochschulen gehen, dass sie sagen, bitte, wir haben etwas zu bieten, wir haben was mitgebracht. Also, dass man die eigenen Werte besser propagiert. Ich glaube, das liegt an diesen jungen Menschen, dass sie mit ihrer eigenen Kultur meistens nicht mehr viel zu tun haben. Weil jemand, der die eine Kultur sehr gut kennt, und die andere hier automatisch mitkriegt, der kann sich auch leichter entscheiden, was er von welcher Kultur mitbringt. Aber ich glaube, dass bei vielen der 2. Generation so ein nebuloser Begriff des Eigenen da ist. Ich würde mir manchmal wünschen, dass sich junge Menschen mehr mit ihrer Herkunft beschäftigen würden, weil ich glaube, dann werden sie auch sicherer, und man könnte in Österreich etwas davon profitieren, vielleicht.



Interview: Hager Hussein (19)