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Samstag, 28. April 2001, eine Gruppe von Echoten macht sich auf den
Weg zum Wiener Stadtfest, das dieses Jahr besonders auffällig multikulturell
geprägt ist. Für Mitglieder der Zeitungsredaktion stehen 2
Interviews an, mit Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Zuerst Celik, Türkish Pop Star aus Istanbul, den wir in seinem
Hotel treffen (siehe anderweitig in dieser Ausgabe). Danach, direkt
hinter der Bühne am Hof, Murat G, Rapper aus Frankfurt, der in
der Programmankündigung als einziger mit dem Begriff 2. Generation
assoziert wurde, was ihn aber gar nicht glücklich stimmte. Ist
er doch Aktivist bei der politischen Initiative Kanak Attak,
die sich gegen jegliche Zuschreibung von Identitäten streubt. Kanak
Attak ist ein Zusammenschluß verschiedenster Personen, deren kleinster
gemeinsamer Nenner darin besteht, die Kanakisierung bestimmter
Gruppen von Menschen durch rassistische Zuschreibungen mit allen ihren
sozialen, rechtlichen und politischen Folgen anzugreifen. Murat G ist
sehr stark daran beteiligt und identifiziert sich auch stark mit den
Anliegen dieser Gruppe. Deshalb auch sein bewußtes Auftreten auf
diesem Fest, wo der erste Teil seines Programms eigentlich aus einer
politischen Rede bestand, die die Zuhörer auffordern sollte, aktiv
etwas gegen Parteien zu unternehmen, die rassistische und ausgrenzende
Politik betreiben. Er wollte seine Solidarität mit denjenigen bekunden,
die vor allem gegen die Politik der FPÖ auftreten. Das ist ein
gänzlich anderer Ansatz, als z.B. andere deutsche Rapper wie Jan
Delay vertreten, die Österreich boykottieren und das als Aufforderung
deklarieren, die FPÖ aus der Regierung zu bringen, damit man sie
wieder live in diesem Land sehen könnte. Nach dem Konzert saßen
wir (Jasmina, Serife, Kemal, Anna und Thomas) am Boden in einem Container
um Murat mit einem Word-Rap zu konfrontieren. Murat bestach durch kompetentes
politisches Wissen und viel Engagement . Vielen Dank an Sirvan Ekici
von der ÖVP-Wien, die uns diese Interviews ermöglichte.
Zuallerst, du hast hier gegen die FPÖ gesprochen und so. Weißt
du, dass du auf einer ÖVP-Veranstaltung spielst?
Murat G: Ich habe ein ziemlich ungutes Gefühl gehabt, ob ich hier
überhaupt spielen soll und ich habe das auch am Anfang extra gesagt,
dass ich deshalb gekommen bin, um mich mit den Leuten, die damals nicht
für die FPÖ gestimmt hatten, den Leuten, die hier antirassistische
Arbeit betreiben, zu solidarisieren. Das Klima ist meistens nicht so,
dass es vordergründig rassistisch ist. Das wird ja meistens in
einer viel subtileren Art und Weise praktiziert, z.B. auch bei Festivals,
wo zuerst die Deutschen spielen und dann die Immigranten.
Es ist auffällig, dass bei dem diesjährigen Stadtfest die
Immigranten ziemlich in den Vordergrund gestellt wurden.
Murat G: Das gleiche Spiel wird auch in Deutschland praktiziert mit
dieser ganzen Multikulti-Falle. Dass man im Prinzip den Quoten-Ali spielen
muss. Es ist auch wichtig für Leute zu spielen, die vielleicht
nicht so in diesem ganzen Antirassismus-Umfeld drin sind und wo nicht
jeder die gleiche Meinung hat. Wo man auch ein bißchen subversiv
dagegen anstinken kann. Ich hab auch schon bei so Schunkelfestivals
mitgemacht, weil ich wußte, da sind genauso Spießerarschlöcher,
die, wenn sie ne Kanakenfresse sehen, sofort Würgkrämpfe bekommen.
Ich wollte genau bei solchen Leuten auf der Bühne sein.
Warum Hip Hop?
Murat G: Warum es bei mir mit Hip Hop angefangen hatte, war Public Enemy.
Mir ist auf einmal klar gewesen, denen brennt irgendwie der Arsch. Irgendetwas
geht da ab in dem Land, dass die solche Musik machen und auch mit solch
einer Wut rappen. Burn Hollywood-burn und da war für mich klar
gewesen, dass das einfach meine Musik ist. Dass ich mich damit auch
ausdrücken kann. So wie Chuck D will ich irgendwie auch rappen
und es geht mir einfach auch drum, politische Statements zu singen,
zu rappen. Public Enemy, die sind dran schuld.
Neben Hip Hop, hast du noch andere Beschäftigungen und kulturelle
Aktivitäten?
Murat G: Bei mir ist es so, dass 24 Stunden Hip Hop ist, weil ich arbeite
in ner Plattenfirma, wo ich selber jetzt auch Hip Hop-Platten rausbringe.
Ich achte auch darauf, dass da Leute mit am Start sind, die bei den
ganzen Major-Companies keine Chance hätten, weil sie einfach auch
politische Texte haben. Aber wichtig wäre es wieder Standpunkt
zu beziehen und wichtig wäre es wirklich mal wieder etwas zu sagen.
Was sind die Probleme der 2. Generation in Europa?
Murat G: Ich glaube, das kannst du nicht an der 2. Generation festmachen,
sondern das Problem ist einfach, dass in Deutschland, wahrscheinlich
in Europa, wahrscheinlich weltweit, es immer Leute gibt, die nicht die
gleichen Rechte haben. Nicht nur in der 2. Generation, sondern das ist
das Problem, dass man nicht überall dort leben kann, wo man einfach
nur will. Es geht auch um diesen ganzen Rassismus, die ganze Ausbeutung,
diese Diskriminierung, diesen Sexismus, dagegen zu arbeiten. Das sind
die wirklichen Probleme.
Warum haben türkische Jugendliche, die hier in Europa aufgewachsen
sind, es nicht geschafft, eine Subkultur aus diesen beiden Kulturen
zu gründen?
Murat G: Es gibt in Deutschland eine sehr starke Subkultur von Immigranten.
Es ist nur so, dass soetwas nicht in den Mainstream kommt, weil der
Mainstream natürlich sehr stark von der Hegemonialgesellschaft
geprägt ist und da haben es Immigranten natürlich sehr schwer,
da rein zu kommen, weil die Spielregeln ganz andere sind als die, die
die Immigranten spielen können.
Kannst du mit deiner Musik Vorbild für die 2. Generation sein?
Murat G: Ich seh mich nicht als Vorbild für irgendjemanden, sondern
bei mir ist es so: Ich mach die Texte, ich reflektiere mein Leben in
Deutschland, nicht nur mein Leben in Deutschland, sondern ich bin einfach
ein politisch engagierter Mensch und das schreib ich in meinen Texten
nieder, aber ich will jetzt nicht das Vorbild sein für andere Leute.
Jeder kann das machen. Niemand braucht Vorbilder, man solls nur einfach
selber machen.
Wie weit sind Rassismus und Diskriminierung schon gekommen, vor allem
in Deutschland und Österreich? Wie kann man gegen Rassismus und
Diskriminierung ankämpfen?
Murat G: OK, also Rassismus in Deutschland ist schon sehr weit gekommen.
Im Prinzip ist es gar nicht mehr möglich als Flüchtling nach
Europa reinkommen zu können. Staatlicher Rassismus ist auch, wenn
ein ganz großer Teil in Deutschland einfach nicht die gleichen
Rechte hat und enteignet wird. Ich mein, das geht so unter die Gürtellinie,
und wenn du dir anschaust, dass die Möglichkeit, die deutsche Staatsbürgerschaft
erwerben zu können für Immigranten der 1. Generation immer
schwieriger wird, weil die kommen jetzt schon an mit Deutschkursen,
die man praktizieren muss. Das ist ne Unverschämtheit, weil die
1. Generation in Deutschland keine Zeit gehabt hat, irgendwie Deutsch
zu lernen und in diese Kurse gehen zu können, weil die wurden als
Arbeitsmaschinen nach Deutschland gekarrt. Es hat alles mit Rassismus
zu tun, der in Europa praktiziert wird und der ist sehr stark.
Aber ich will jetzt zu Kanak Attak noch etwas erzählen. Es klingt
vielleicht jetzt so nach neumodischem Immigrantenverein, aber Kanak
Attak ist im Prinzip eine Organisation, wo es um Politik und Kultur
geht und wo es nicht um Identitätskonzepte geht. Bei Kanak Attak
gibt es keine Identitäten. Von wegen, wir sind die neuen Immigranten,
wir sind die hippen Kanaken, sondern nein, es geht darum, es kann jeder
bei Kanak Attak mitmachen, der einfach keine Lust hat auf diesen ganzen
Rassismus-Scheiß, auf diese Ausbeutung, auf diese Diskriminierung
und es hat nichts mit der Ethnie zu tun. Also, Kanak Attak fragt definitiv
nicht nach dem Pass. Es geht eindeutig um Rassismus in Deutschland.
In der letzten Zeit sind die Immigranten jetzt auch als Marktsegment
entdeckt worden, die es gilt explizit anzusprechen, damit man sie als
neue Käuferschicht gewinnt.
Murat G: Mittlerweile gibt es ja auch überall Werbung, wo Kanaken
auch speziell angesprochen werden, weil sie natürlich auch Kohle
haben. Aber, wie gesagt, der Name Kanak oder das Wort Kanak gibt es
nicht, um sich als Kanake jetzt wieder gut zu fühlen, sondern einfach
nur um diese ganzen Rassismen deutlich zu machen, diesen ganzen Begriff
wieder zu wenden.

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