100% Österreicher+100% Perser = 200% Niavarani

____________________________________________________

Der Schauspieler über Nationalitäten, Arbeiterfamilien und das Theater rundherum

Wie war deine erste Begegnung mit dem Theater?
Niavarani: Ich war ein sehr schlechter Schüler in der Unterstufe.
Meine damalige Deutschprofessorin ist darauf gekommen, wenn sie mich die Hauptrolle in einem Stück lesen lässt, im Deutschunterricht, bin ich auch bereit, die Hausübung zu machen. Wir haben dann, ein Kollege und ich, eine Bühnespielgruppe gegründet in der Schule, und das war der erste Kontakt mit dem Theater. Wir haben damals sehr viel von Johann Nestroy gespielt. Es waren meistens Komödien, eher unterhaltsame Stücke, die wir gespielt haben.


Soviel wir wissen, spielst du nicht nur, sondern du schreibst auch. Erzählst du uns ein bisschen über diese Tätigkeit?
Niavarani: Ich bin kein Schriftsteller und auch kein Schreiber. Ich schreibe aus der Not heraus. Ich schreib’ deshalb, weil es wenig Dinge gibt, die so sind, dass ich sie spielen mag. Das war der erste Gedanke.
Wie definierst du dich - als Mensch oder mit deiner Nationalität?
Niavarani: Nachdem ich zwei Nationalitäten habe, ist das ein schwieriges Thema. Ich bin halber Österreicher, halber Perser. Ich sag in Interviews immer, ich bin 100% Österreicher und 100% Perser. Meine Schwester fragt mich dann: ”Wieso bist du Perser? Du bist hier aufgewachsen, du bist hier sozialisiert, dein ganzes Weltbild ist ein europäisches. Was ist eigentlich persisch an dir?”
Es gibt bei mir eine große Sehnsucht nach Persien, nach dem Iran, aber eigentlich einem falschen Bild des Iran, weil ich Persien nur aus den Erzählungen meiner Großmutter, Onkeln und Tanten kenne und die sind fast alle vor der Revolution nach Europa oder nach Amerika gegangen. Deshalb würde ich mich in erster Linie mal als Mensch bezeichnen, dann als Perser, dann als Österreicher und ganz weit, bevor ich mich als Mensch bezeichne, bezeichne ich mich als Schauspieler. (er lächelt)
Das Thema der neuen Ausgabe der ECHO-Zeitschrift ist “Positionen jetzt”. Warum, glaubst du, sind so wenige Menschen der 2. Generation an guten Positionen? Wie kann man dies ändern?
Niavarani: Ich glaube, dass es weniger mit dem Ausländer-Inländer-Problem zu tun hat, sondern ein Problem der sozialen Schicht ist, in der man aufwächst. Und generell ist es so, dass Leute aus Arbeiterfamilien es teilweise schwerer hatten in höhere Positionen zu kommen, als andere Leute. Denke aber auf jeden Fall, dass sich das ändern wird, also auch die Möglichkeiten für Menschen der 2. Generation, die hier aufgewachsen sind. Ich kenne auch keine Statistiken dazu. Ich weiß eigentlich nicht, wie hoch der Prozentanteil von Maturanten der 2. Generation ist. Ich hab’ da keinen Überblick, wie das wirklich ist. Glaube aber, oder hoffe, dass die Menschen der 2. Generation eigentlich dieselben Chancen haben, wie alle anderen.
Siehst du dich als 2. Generation ?
Niavarani: Ja, definitiv. Von der österreichischen Seite bin ich wahrscheinlich schon die 500ste Generation, müsste eigentlich sagen: von tschechischer Seite, weil die Eltern des Großvaters, des alten Svoboda, irgendwann aus der Tschechei, damals noch in der Tschechei, damals noch in der Monarchie, hierher gekommen sind, aber ich sehe mich definitiv als 2. Generation. Absolut.
Wie hat dir Arbeit mit den EchotInnen gefallen?
Niavarani: Also, von Arbeit kann man ja nicht sprechen, die zwei Male, die ich vorbeigeschaut habe, aber das hat mir sehr gut gefallen. Ich fand vor allem den Abend sehr großartig. Was mich sehr beeindruckt hat, ich weiß aus meiner langjährigen Erfahrung, wie schwer es ist ein Publikum zu faszinieren und ein Publikum davon abzuhalten einzuschlafen, müde zu werden und wie schwer es noch dazu ist, die Leute zum Jubeln zu bringen. Der Abend hat ja von halb 9 bis 1 gedauert. Es sind, glaub ich, fast 1000 Leute im Metropol gewesen. Es war unerträglich heiß, die Luft war unerträglich schlecht. Die Leute mussten stehen. Teilweise, nicht alle und sie waren mit Begeisterung da und hatten es geliebt, bis zum Schluss. Es ist fast niemand gegangen. Das hat mich sehr beeindruckt und das hab’ ich sehr toll gefunden. Ich glaube, wenn wir das im Simpl gemacht hätten, dass sich die Leute unter diesen Bedingungen etwas anschauen, sind die nach 1 1/2 Stunden alle weg. (wir lachen)
Die Zusammenarbeit hat mich sehr begeistert und mir sehr großen Spaß gemacht.
Interview: Timur Topal


Elif Sözer
Nima Obaro
Kemal Erbulan