Den größten
Reiz an der Kunst stellt wohl die Tatsache dar, dass sie von jedem
Menschen auf eine ganz einzigartige Art verstanden und empfunden wird.
Im Laufe der Zeit ist sie zu einem nicht mehr wegzudenkenden, essentiellen
Aspekt der zwischenmenschlichen Kommuni-kation geworden. Kunst als
Ausdrucks-mittel, als Medium, bietet für jeden grenzenlose Möglichkeiten
ein individuelles, künstlerisches Vokabular zu entwickeln und
sich mitzuteilen. In dem Wechsel-spiel zwischen Schein und Sein ist
Kunst manchmal fassbar, oftmals in ihrer Ästhetik unberührbar,
und doch kennt jeder den einzigartigen Moment in dem er etwas sieht,
ertastet oder hört, das eine bestimmte Reaktion oder Regung in
seinem Inneren aktiviert. Ob Farbe, Bewegung, Klang oder Form - all
diese Nuancen des künstlerischen Ausdrucks bieten ein breites
Spektrum an Aussagekraft. Kunst ist konstant im Fluß, auf der
Suche, und immer offen für neue Einflüsse. Sie kann als
ein Spannungsfeld persönlicher Sehnsüchte und Empfin-dungen,
oder als eine authentische Reaktion auf das Leben aus einer gesellschaftskritischen
Sichtweise angesehen werden. Oftmals stellt sie das gewohnte Denken
in Frage, führt die Logik ad absurdum, um schließlich zu
zeigen, dass man nicht nach allgemeingültigen Regeln existieren
muss. Motive der sozialen Wirklichkeit setzen Wahrheit vor Schönheit.
Durch diese hinterfragende Ästhetik filtern sie die Mißstände
heraus, und doch wirft sich die Frage auf, wieso so wenige Einwanderer,
beziehungsweise Angehörige der zweiten Generation, in der Kunstszene
vertreten sind. Kunst konnte schon immer auch als eine Art Utopie,
als ein erdachter Traum angesehen werden. Sie war schon immer ein
Anhaltspunkt für all die, die sich entwurzelt oder verloren fühlten.
Gerade sie bietet eine optimale Möglichkeit sich von sozial verankerten,
stereotypen Rollen loszulösen und sich zu distanzieren. Wieso
sind also so wenige Nichtösterrei-cher im schöpferischen
Prozess tätig? Es ist anzunehmen, dass das Zusammen-spiel vieler
unterschiedlicher Faktoren auf diese Tatsache einwirkt. Zurückblickend
auf die stark entpolisierte österreichische Geschichte, die durch
völlige Elimination kritischer Elemente gekennzeichnet ist, erscheint
dieser Zustand der künstlerischen Nicht-Aktivität nur als
natürlich. Das soziale Dasein vieler Immigranten und Angehöriger
der zweiten Generation wird oftmals vom Kampf ums Überleben getragen,
und mündet in einer nüchternen Realität, die keinen
Raum für die Entwicklung der Kreativität oder gar abstrakter
Phantasie zuläßt. Die Kunst stellt einen enormen Kontrast
dazu dar, und wird leider auch als etwas Triviales, Perspektivloses
oder gar Banales angesehen. Diese Sicht der Dinge führt dazu,
dass das Talent und die Kreativität schon innerhalb der Familie
gehemmt, oder im Keim erstickt werden. Handelt es sich also um mangelndes
Interesse an der Kunst selbst, das soziale Umfeld, die Nichtbeachtung
der Talente oder gar Ignoranz? All diese Dinge könnten zutreffen
und ein Weiterkommen behindern, aber sind sie nicht nur eine Ausrede
für den Stillstand, die Lustlosigkeit etwas zu verändern?
Künstler zu sein bedeutet nicht einen geregelten Beruf zu haben,
es ist viel mehr eine Berufung. Kunst bietet keine Sicherheit, ist
voller Hoch- und Tiefgänge, aber nur sie schafft es unseren Geist
als etwas derart Menschliches und Hingebungsvolles zu zelebrieren.
Andreas Gursky: Es gibt offensichtlich eine gemeinsame, allen
Menschen verständliche Sprache des Unbewußten...