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austrian psycho

die Tagebucheintragungen einer Verrückten ...

 

Liebes Tagebuch! 28.9.00
Ich schreibe dir, weil es sonst Niemanden interessiert. Folgendes Problem quält mich: Ich finde keine Arbeit! Seit sechs Monaten suche ich verzweifelt nach einer geeigneten Stelle. Aber ich werde immer wieder abgewiesen. Was soll ich tun? Das Geld wird knapp, meine Eltern verdienen zu wenig, ich muss sie unbedingt unterstützen! Wir sind schon so arm, dass wir jeden Tag Bohnensuppe essen müssen. Das hat zur Folge, dass ich täglich mit Blähungen und deren Folgeerscheinungen kämpfen muss. Deswegen ist mein Parfümverbrauch enorm angestiegen. Es wird endlich Zeit, diese unzumutbare Suppe vom Tisch zu räumen. Ich kann sie nicht mehr sehen! Diese ekelhaft riechende Brühe quillt mir schon aus den Ohren heraus!

 

Liebes Tagebuch! 11.10.00
Ich bin sooo aufgeregt! Ich habe eine gutbezahlte Stelle als Verkäuferin gefunden. Eigentlich wollte ich diesen Job nicht, aber die Leute vom Arbeitsamt haben nichts anderes für mich gesucht und gefunden. Ich bin mir sicher, dass das ein guter Start in ein neues Leben wird. Ohne eingebildet klingen zu wollen: Sie haben mich genommen, weil ich gute Noten vorweisen konnte. Ich bin sozusagen “qualifiziert”. Was soviel bedeutet wie, ich muss nicht putzen!


Liebes Tagebuch! 25.10.00
Das Leben stinkt. Der Job stinkt. Alles stinkt. Ich arbeite in einem kleinen Laden, in dem Billigsdorferkleidung zu Schleuderpreisen angeboten wird. Ich muss den ganzen Tag putzen! Der Chef ist ein großer, blasser, einfältiger Dilettant, der mich andauernd herumkommandiert.
Er trägt eine billige Perücke, die zu klein für seinen Kopf ist und verschwitzte Hawaii-Hemden. An seinem Schnurrbart kann man erkennen, was er am Vortag gegessen hatte. Er transpiriert unaufhörlich, die ganze Zeit. Ich wette, dass er sogar beim Baden Wasser aussondert. Sein Bierbauch sieht wie eine nasse Bowlingkugel aus, an der sein Schweiß hinunterregnet und auf den Boden klatscht. Seine brachiale Stimme gepaart mit dem Drang wie ein Lama zu spucken, tun ihr übriges dazu.
“Gemma, Gema (spuck!), du müssen putzen, du müssen oarbeiten! Herst (spuck!), glaubst das ma di zum Spass ongstellt habn? De Funzn (spuck!) vom Arbeitsamt hot di dahergebn. Damit ma kane Probleme kriegn, hob ma di gnommen. Damit des waast. Und jetzt putz (spuck!)!!! Ihr Tschuschen sad do olle gleich!”
Ich glaube nicht, dass ich mich mit diesem Arbeitsklima anfreunden kann.


Liebes Tagebuch! 2.2.01
Ich habe gekündigt. Es war notwendig und berechtigt. Warum fühle ich mich trotzdem so schlecht? Wie soll meine Zukunft aussehen? Was soll aus mir werden? Mein Leben sieht düster aus, ich stehe am Abgrund und kann nicht weitergehen. In mir ist nur Leere, meine Träume sind zerstört. Ich fühle mich wie eine Versagerin.


Liebes Tagebuch! 3.2.01
Ich habe beschlossen nicht aufzugeben! Die Leute vom Amt haben ein ausgeklügeltes Rezept, um meine Probleme in den Griff zu kriegen, nämlich “Integration”.
Zuerst wusste ich nicht, was das bedeuten sollte, aber dann haben sie es mir anschaulich erklärt: “Herst, wos glaubsd du denn? Du musst di österreichisch onziehn, österreichisch reden, singen, essen, danzen, vor allem aussehen. Nur so hasd a Chance!”
Wenn ich es also zu etwas bringen will, dann muss ich mich verändern.
Also auf ins Wagnis namens “Integration”!


Liebes Tagebuch! 5.2.01
Die “Verwandlung” hat schon begonnen. Ich ließ mir meine Haare aufhellen und trage blaue Kontaktlinsen. Zusätzlich besuche ich einen Kurs, um Wienerisch zu lernen.
Die Leute vom Amt sind begeistert. Jedesmal, wenn ich sie besuche, applaudieren sie und rufen: “Bravo, Bravo!” Manchmal machen sie Fotos von mir und wollen Autogramme. Ich glaube, dass die Sache mit der Integration zu funktionieren scheint. Warum ist mir das nicht schon früher eingefallen?


Liebes Tagebuch! 10.2.01

Ich habe meinen Namen geändert und heiße ab jetzt Kriemhild Nibelung.
Ich trage rot-weiß-rote Lederschuhe und ein Dirndl. Sogar mein Bruder trägt eines. Meine Familie versucht mich in meinem Vorhaben zu unterstützen. Mittlerweile haben sich alle die Haare aufgehellt und tragen blaue Kontaktlinsen. Meine Mutter kocht nur Tafelspitz und Kärntner Kasnudeln. Wir reden nur noch Deutsch zu Hause. Leider kann meine Mutter nur einen einzigen Satz, den sie andauernd wiederholt. “ Bittescheen, habe sie neue blaue Vorhänge, bitteee?” Sie wiederholt immer nur diese Phrase, egal was ich vorher zu ihr gesagt habe. Es ist zum “narrisch” werden. Ach ja, ich habe mir sogar ein Haustier angeschafft. Es ist ein kleiner Dackel, den ich “Pepi” nenne. Einige meiner “inländischen” Nachbarn scheinen meine Veränderung positiv zu bewerten. Sie grüßen mich sogar und lächeln, wenn sie mich mit Pepi sehen.


Liebes Tagebuch! 15.3.01

Ich bin mir selber nicht ganz geheuer. Unlängst passierte etwas ziemlich Merkwürdiges. Ich stieg in eine U-Bahn ein. Dort waren 5 anscheinend rechtsradikale Skinheads, die einige Fahrgäste anpöbelten. Plötzlich kam einer von ihnen zu mir, lächelte mich verschmitzt an und bot mir seinen Arm: ”Dürfte ich ihnen meinen Platz überlassen, junges Fräulein? Ich war schockiert, mir fehlten die Worte. “Nein, bitte setzen sie sich auf meinen Platz!”, tönte es aus einer anderen Ecke. Ein anderer Skinhead bot mir seinen Platz. Eh ich mich versah, prügelten sich alle fünf Skinheads um die Ehre, mir den Platz überlassen zu können. Einer von ihnen, ein kleiner magerer Glatzkopf, hielt inne und stand stramm. Sein rechter Arm zuckte seltsam in die Höhe - immer wieder. Armer Junge, er litt wahrscheinlich an einer tückischen Krankheit. Ich versuchte mir mein Mitleid nicht anmerken zu lassen und sah weg. Die anderen Fahrgäste verhielten sich genauso. Schließlich kann man ja nicht unverblümt hinstarren und den bedauernswerten Jungen in Verlegenheit bringen. Als er auch noch zu singen anfing:” Deutsch sein, das ist nicht schwer”, zückte ich meine Geldbörse, um ihm ein paar Schillinge zu spenden. Er nahm sie dankbar an und stieg aus. Danach fühlte ich mich gut, denn wie heißt es so schön: ”Jeden Tag eine gute Tat”.

 

Liebes Tagebuch! 18.4.01
Langsam und schleichend überkommt mich das Gefühl des Wahnsinns. Ich fühle es. Ob es wohl am Tafelspitz (Rindfleisch) liegt? Keine Ahnung. Sogar meine Familie findet, dass ich übertreibe. Aber was ist den so schlimm daran, wenn ich jeden Tag die Fahne hisse und lauthals die Nationalhymne singe? Einige “Nestbeschmutzer” aus dem Haus haben sich beschwert, aber das kann mir und meinem “Vaterlandsintegrationsverein” nicht die Freude daran nehmen. Denn ich habe einen großen Traum: Eines Tages wird es keine Unterschiede mehr zwischen den Menschen in diesem Land geben. Keine Diskriminierung und keinen Hass. Die Begriffe “Ausländer” und “Inländer” werden keine Bedeutung mehr haben. Wir werden alle friedlich und vereint leben, ohne Probleme. Ich werde dafür kämpfen, diese Vision zu verwirklichen. Und wenn ich jedem persönlich die Haare aufhellen muss!


echörterbuch:
transpirieren: ganz einfach: das heißt schwitzen


Bojana Marinkovic (22)