hauptthema

“wir leben in einem Käfig...”  

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  Sie kommen aus dem Kosovo, Afghanistan, dem Irak, Afrika und vielen weiteren Ländern dieser Erde.

Sie sind auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung, Hunger, ökologischen

und ökonomischen Katastrophen.

          

Im Jugendwohnheim Meidling wohnen etwa 100 Flüchtlinge.

Vier von Ihnen erzählten uns ihre Geschichten......


Dritan: “Mein Name ist Dritan Veselij. Ich komme aus dem Kosovo. Ich bin seit Oktober 1998 in Wien.”
Arben: “Mein Name ist Arben Doda. Ich bin seit zwei jahren in Österreich.”


echo: “Warum seid ihr in Wien?”


Dritan: “Als erstes will ich in Wien studieren. Es war immer ein Wunsch von mir, im Ausland zu studieren. Zweitens bin ich vor dem Krieg geflüchtet. Unten hatten wir keine Zukunft. Es war sehr schwierig, dort zu leben und ich wollte dort nicht mehr bleiben. Es gab keine Perspektiven mehr für die jugendlichen Kosovo-Albaner.”

Arben: “Eigentlich die selben. Das Hauptproblem war aber trotzdem der Krieg. Bei mir war die Einreise mit zusätzlichen Problemen verknüpft, da ich bis nach Ungarn gekommen bin und dann durch Schlepper, die ich bezahlt habe, nach Österreich “geschmuggelt” wurde.”


echo: “Wie war die Situation für Euch vor dem Krieg? Und was habt Ihr nach der Einreise unternommen? Warum Österreich?”


Dritan: “Ich habe in Pristina studiert. Wir hatten eine illegale Universität gehabt. Damals hatten wir auch viele Probleme. Die Serben haben unseren Lehrinhalt nicht anerkannt.”

Arben: “Sie haben uns dann vorgeschrieben, nach welchem Lehrinhalt wir vorgehen mussten. Deswegen hatten wir eine illegale Universität. Dann habe ich einen Asylantrag gestellt, der abgelehnt wurde. Dann habe ich um ein Studentenvisum angesucht. Erstens weil es näher zu meinem Heimatland ist, zweitens habe ich damals gehört, dass es in Österreich leichter ist, ein Studentenvisum zu bekommen.”


echo: “Seit wann wohnt ihr im Jugendwohnheim Meidling und wo wart ihr vorher? Wie wurdet ihr dort behandelt?”


Dritan: “Wie Arben schon gesagt hat, habe ich auch einen Asylantrag gestellt. Ich habe hier auch überhaupt keine Verwandten. Ich bin ganz alleine da. Nach meinem Antrag habe ich einen Monat lang in Traiskirchen gelebt. Dort war es wirklich schrecklich zu leben. Das Essen war schlimm. Es sind sehr alte Gebäude. Ich glaube, dass das Gebäude aus dem zweiten Weltkrieg stammt. Es war auch sehr unhygienisch. Wir haben gemeinsam mit 15 Personen ein kleines Zimmer geteilt. Wir wurden nicht sehr freundlich behandelt. Wir mussten im Lager bleiben und durften nur Fußball und Tischtennis spielen. Nach einem Monat haben wir einen Brief bekommen. Jeder durfte nicht in Traiskirchen bleiben. Wir mussten weiterreisen. Zu dieser Zeit habe ich mich an der Universität eingeschrieben und musste daher einen Deutschkurs besuchen. Das war der Grund, dass ich nach Wien ins Jugendwohnheim Meidling gekommen bin.”

Arben: “Ich habe mich dort erkundigt, ob es hier eine Möglichkeit gibt zu studieren. Sie haben gesagt, dass das kein Problem ist, sobald man 70.000,- ATS hat. Ich bin dann nach Wien gefahren. Ich war in Wien auf der Uni. Sie haben mir gesagt, dass ich eine Aufenthaltskarte benötige, um mich inskribieren zu können. Dann habe ich in Traiskirchen für diese Karte angesucht, die ich auch bekommen habe. Die haben mich dann aber nicht nach Wien, sondern nach Kärnten versetzt. Das Problem war, dass ich jeden Tag nach Wien fahren musste und die Fahrt hat 700,- ATS gekostet. Diese Situation habe ich einer Verantwortlichen des Ministeriums erklärt und nach zwei Monaten bin ich dann nach Wien versetzt worden.”


echo: “Arben, wie wurdest Du in Kärnten von den Menschen behandelt?”


Arben: “Die Menschen waren nicht direkt unfreundlich, aber sie waren sehr zurückhaltend. Das Personal in der Pension war aber sehr nett.”

Dritan: “Wenn man zu einem Österreicher sagt, dass man Flüchtling ist, dann stimmt es, dass sie sehr zurückhaltend sind. Eigentlich auch sehr unfreundlich. Sie haben zu große Vorurteile, die ich nicht verstehe. Überall gibt es gute und schlechte Menschen.”


echo: “Seid Ihr hier mit der Unterkunft zufrieden? Habt Ihr Beschwerden? Und wie sind die Kontakte hier im Heim oder auch draußen zu den Österreichern?”


Dritan: “Am Anfang war es sehr schwierig. Ich kannte niemanden. Mit der Zeit lernte ich Leute kennen. Den Heimleiter und die Betreuer lernte ich auch näher kennen. Wir können uns auch unterhalten, was früher wegen der Sprachbarriere nicht der Fall war. Die Kontakte sind eigentlich gut. Zum Glück kenne ich keine ausländerfeindlichen Österreicher. Mit den anderen kann man über alles reden.”

Arben: “Das Leben im Heim ist halbwegs OK. Die Menschen sind in Ordnung. Aber es beruht auf Gegenseitigkeit, da wir auch überall, wo es geht, versuchen mitzuhelfen. Beschwerden haben wir auch. Zum Beispiel die sanitären Anlagen. Kontakt zu den Österreichern: na ja vom Aussehen merken sie nicht, dass ich Ausländer bin. Sobald ich zum Sprechen beginne, merken sie es gleich. Dann ändert sich das Verhalten. Aber bis jetzt hatte ich keine schlechten Erlebnisse.”


echo: “Wie bewertet ihr das Asylverfahren? Glaubt Ihr, dass der Staat alles unternimmt?”


Arben: “Das kann ich nicht beurteilen. Das hängt davon ab, was sich der Staat hier leisten kann. Ich glaube, dass der Staat in diesem Punkt noch mehr tun könnte.Vor allem in Traiskirchen könnte er vieles ändern. Zum Beispiel Hygiene, sanitäre Anlagen usw. Probleme waren hauptsächlich, dass wir kein warmes Wasser gehabt haben oder von einem Block in den Nächsten gehen mussten, um uns zu duschen.”


echo: “Wie ist bei Euch die Finanzierung?”


Dritan: “Bis jetzt hat das Ministerium Unterkunft und Verpflegung bezahlt, aber in zwei Wochen muss ich mich selber finanzieren.”

Arben: “Ich muß mich auch selber finanzieren, weil ich nicht mehr unter der Bundesbetreuung gehe. Ich habe jetzt ein Stundentenvisum. Zu den Studiengebühren möchte ich noch sagen, dass die Politiker, die jetzt die Studiengebühren beschließen, selber ohne diese Gebühr studiert haben.”


echo: “Denkt ihr ans Zurückkehren?”


Dritan: “In Österreich ist es für uns jetzt sehr schwer uns selber irgendwie zu finanzieren. Zur Zeit denke ich, dass ich hier bleiben will, wenn ich auch darf. Ich liebe zwar meine Heimat, aber zur Zeit ist es wirklich aussichtslos.”

Arben: “Im Moment ist die Sicherheitssituation äußerst schlimm. Jeder läuft mit einer Waffe in der Hand. Es braucht seine Zeit um sich vom Krieg zu erholen. Wenn ich nach dem Studium zurückkehre, dann habe ich die gleiche Situation dort, weil ich dort auch niemanden kenne. Viele Freunde sind im Krieg gefallen, viele sind in Europa zerstreut. Die Zukunft ist sehr ungewiss.”


echo: “Gibt es irgendwelche Erlebnisse in Österreich, die ihr uns erzählen wollt, oder wollt ihr noch etwas sagen, was euch wichtig ist?”


Dritan: “Beim Asylantrag waren die Beamten nicht sehr freundlich. Bei der U-Bahnstation haben mich die Polizisten sehr unfreundlich behandelt, ohne einen Grund dafür zu haben. Trotz der Vorlage eines Ausweises haben sie uns wirklich sehr schlimm behandelt. Sie hatten von vornherein große Vorurteile. Und ich möchte nur noch das sagen, dass Ich meine Familie sehr vermisse. Sie fehlen mir am meisten.”
Arben: “Ohne Familie ist es sehr schwierig. Sie fehlen mir sehr.”

Hakimi: “Ich heiße Hakimi Mohammad Nezam und ich bin seit zehn Monaten in Österreich.”

Azizpour: “Ich heiße Azizpour Abdul Ghafoor und ich komme aus Afghanistan. Ich bin seit zwanzig Monaten in Österreich.”


echo: “Warum bist Du nach Österreich gekommen Hakimi?”


Hakimi: “Das ist eine gute Frage aber die Antwort ist sehr schwierig. Das erste was ich Dir sagen will ist, dass jemand, der seine Heimat verlässt, viele Schwierigkeiten in seinem eigenen Land hat, denn niemand will Sehnsucht nach seiner Mutter haben. So war es auch bei mir. Ich hatte Probleme in Afghanistan und war nicht mehr in der Lage in irgendeiner Weise dort zu leben. Sodann kam ich nach Österreich."


echo: “Wie fühlt Ihr euch als Flüchtlinge in Wien? Habt Ihr Schwerigkeiten bekommen als Ihr nach Wien gekommen seid und falls ja, welche?”


Hakimi: “Ich glaube, wenn ich sagen würde sehr schlecht, wäre es nicht richtig. Es wäre aber auch nicht richtig, wenn ich sagen würde: sehr gut. Das Leben und die Situation hier ist für mich und auch für andere Flüchtlinge sehr langweilig. Wir dürfen nur an einem bestimmten Ort sein und lediglich frühstücken, mittagessen und abendessen und so Tage und Nächte verbringen. Wir dürfen weder studieren noch irgendwelche Kurse besuchen. Ich könnte über meine Flucht nach Wien ein Buch schreiben, dass viele bewundern würden. Zum Beispiel bin ich zwischendurch zwei Tage im Gefängnis gewesen, wo ich den ganzen Tag nur auf und ab gegangen bin und wir weder etwas zu essen noch etwas zu trinken bekommen haben. Wir waren wie Tiere in einem Käfig und durften unseren Platz nicht verlassen. Wir waren über einen Monat auf der Flucht und waren natürlich mit sehr vielen Schwierigkeiten und Problemen konfrontiert.”

Azizpour: “Ich wurde natürlich auch mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert. Ich war auch über einen Monat auf der Flucht. Es ist sehr schwierig und hart sich vorzustellen, wie man illegal hierher geschmuggelt wird. Es ist ein schlimmes Gefühl einem fremden Menschen Geld zu geben und danach bestimmt diese Person über dein Schicksal. Es ist egal wohin dieser “Führer” geht, du folgst ihm nur und weißt nicht einmal wohin.”


echo: “Wie wurdet Ihr von den Inländern, Behörden behandelt?”


Azizpour: “Als ich im Jänner 1999 in Österreich ankam haben sie uns gleich nach unseren Dokumenten gefragt und wir sagten, dass wir keine haben. Darauf haben sie uns in eine Kammer gesteckt und haben uns einen ganzen Tag lang mit Fragen vollgepumpt. Danach haben sie uns in ein Zentralgefängnis gebracht, wo wir 15 Tage verbringen mussten. Anschließend haben sie mit mir ein Interview gemacht und danach kam ich zur Caritas, verbrachte drei Monate dort und danach kam ich ins Jugendwohnheim Meidling.”

Hakimi: “Nachdem mich die Schmuggler nach Österreich gebracht hatten, haben sie mich irgendwo verlassen. Ich weiß bis heute nicht genau, wo das war. Ich glaube es war in der Nähe des Flughafens. Nach einem Tag hat mich die Polizei um Mitternacht gefangen und hatmir Fragen gestellt, die ich nicht verstand. Danach brachten sie mich ins Gefängnis und ich musste dort 20 Tage bleiben. Erst dann hatte ich die Gelegenheit mit dem Innenministerium Kontakt aufzunehmen und das Ministerium überstellte mich dann hierher ins Jugendwohnheim Meidling. Seit einem Jahr wohne ich nun hier.”


echo: “Wer finanziert euch hier zur Zeit? Habt Ihr Freifahrtmöglichkeiten?”


Hakimi: “Nur Gott, sonst niemand. Weil ich bin hier alleine ohne Familie, ohne Bruder, ohne Schwester. Ich habe niemanden hier. Ich darf nicht und bin auch nicht in der Lage von einem Ort zum anderen zu gehen, schlicht und einfach nur deswegen, weil ich kein Geld habe. Nach zehn Monaten weiß ich nicht einmal wie das Zentrum von Wien aussieht.”

Azizpour: “Das einzige was wir bekommen sind 1.000,- ATS für zwei Monate.”


echo: “Wie ist die Wohnsituation im Heim? Z.B. die Zimmer, das Essen, die Freundschaft...Wie sieht Euer Tagesablauf aus?”


Azizpour: “Die Freundschaft ist sehr nett, im besonderen der Heimleiter und die Betreuer. Sie kümmern sich um uns. Was das Essen betrifft ist es mir eigentlich egal, es schmeckt mir einfach nicht gut.”

Hakimi: “Um auf legaler Ebene etwas zu tun, darf ich nur schlafen. Während der Nacht etwa bis 2 Uhr sitze ich mit meinen Freunden herum und töte die Zeit.”


echo: “Habt Ihr Kontakte zu Österreichern?”



Hakimi: “Ich habe nur Kontakte zu Österreichern, die auch im Heim leben. Sie sind sehr nett. Mit anderen, die außerhalb des Heimes sind, habe ich keinen Kontakt, da ich nicht hinaus gehe. Es gibt sogar Zeiten, wo ich drei bis vier Tage keinen Fuß vor die Heimtür setze.”
Azizpour: “Bei mir ist es ähnlich. Mit Österreichern, die im Heim leben habe ich Kontakt, zu den anderen hatte ich früher ein bisschen Kontakt, da ich in die Schule ging, aber danach leider nicht.”

echo: “Wollt Ihr in naher oder ferner Zukunft wieder zurück? Vermisst Ihr Eure Eltern, habt Ihr Sehnsucht nach ihnen?”

Azizpour: “Wenn sich die Situation wieder bessert ist es ein großer Wunsch von mir wieder zurückzukehren, sollte es aber so bleiben wie jetzt, dann will ich hier bleiben.”
Hakimi: “Azizpour will nicht zurückkehren und ich kann nicht zurück. Zur Zeit sitzt mein Bruder im Gefängnis und mein Vater ist verschollen. Er wurde nachdem diese Regierung an die Macht kam von der Polizei mitgenommen und ist nicht mehr zurückgekehrt. Ich habe nur meine Mutter und wenn ich zurückkehre wird man mich entweder ins Gefängnis stecken oder sonst irgendetwas mit mir machen. Ich glaube, dass jeder, der eine Familie hat, sie sehr liebt. Ich kann nur eines erzählen, dass wenn ich an meine Familie denke, ich ohne Grund anfange zu weinen und ich weiss nicht warum. Ich glaube das ist der Preis dafür, dass ich sie sehr vermisse.”


echo: “Gibt es irgendwelche Erlebnisse in Österreich, die Ihr uns erzählen wollt? Gleichgültig ob gute oder schlechte.”

Hakimi: “Bis heute gab es für mich in Österreich keine lustigen oder glücklichen Erlebnisse. Es gab nur eine traurige und dies war, dass ich eines Tages mit einem Freund irgendwohin fahren wollte um ein Foto zu machen. Ich sagte zu meinem Freund, dass es unmöglich sei, da ich keine Fahrkarte hatte. Er sagte, dass es egal sei und dass wir trotzdem fahren sollten. Während der Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln war eine Fahrausweiskontrolle. Zu diesem Zeitpunkt war es eigentlich egal ob man Fahrkarten hat oder nicht. Das Schlimme daran war nur, dass ich mich geschämt habe vor vielen Menschen aussteigen zu müssen und dem Kontrolleur zu sagen, dass ich weder Fahrkarte noch Geld besitze. Es war sehr schlimm.”

echo: “Wollt ihr von Euch noch etwas dazusagen, was Euch am Herzen liegt? Habt Ihr Hoffnungen, dass es besser werden könnte?”

Azizpour: “Ja, ich lebe nun seit zwei Jahren hier und ich habe keine Ahnung wie meine Zukunft aussehen wird. Ich weiß nur, dass ich eine gewisse Zeit hier verbringen muss und ich habe keine Hoffnungen, dass es besser werden könnte. Ich befürchte, es wird schlimmer werden.”
Hakimi: “Für die Zukunft habe ich keine Hoffnungen, weil ich keine Zukunft habe. Wenn ich die Gelegenheit hätte, mich fort- und weiterzubilden, zu studieren, dann hätte ich wieder Erwartungen. Zur Zeit sieht die Zukunft sehr schlecht aus. Ich kann mir kein Bild für meine Zukunft machen.”

Interview: Hülya Turac




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