Seitdem sich die neue Regierungskonstellation gebildet hat, existiert eine polarisierende Stimmung in unterschiedlichen politischen Bereichen.
Mit diesem Satz habe ich angefangen diesen Artikel zu schreiben, der Meinungen und Gefühle, aber gleichzeitig unsere allgemeine Betroffenheit durch die aktuelle Stimmung ausdrücken soll. Immer wieder dieser Satz, fast in meinem Kopf hängengeblieben. Neue Regierungskonstellation hier, agressive politische Verstimmung da.
Na und, wie gehts jetzt weiter?
Während der Redaktionsarbeit ist die Zeit immer knapper geworden und ich musste diesen Artikel endlich fertigschreiben und abgeben. Aber es geht nicht weiter.
Die politische Stimmung ist agressiver geworden. Weiter nichts. Schreiben und wegschmeissen. Ich komme nicht zum Punkt.
Eine blockierende, sogar depressive Stimmung bewegt sich wild um uns, die uns alle beeinflusst. Ich versuche, die Stimmung mit ihren möglichen Auswirkungen im alltäglichen sozialen Lebendarzustellen. Aber die Stimmung nimmt mich gefangen.
Nach der ersten Zeile geht es nicht mehr weiter. Der Rest ist wie in ein Labyrinth, aus dem man keinen Ausweg findet - keinen Ausgang, der uns rausbringt. Alles bleibt stecken ...
Die Leute warten auf mich, damit die Zeitschrift endlich zur Druckerei gehen kann.
Okay, zu erst einmal kommt der Text zur Korrektur. Unsere Freunde, die für mich lektorieren, grinsen sehr zynisch, aber trauen sich nicht direkt zu sagen, dass das ein verdammt
langweiliger Artikel und schwer zum Verbessern ist. Zwanzigmal die Wörter demokratische Gesellschaft. Siebzehnmal Integration, zigmal Rassismus oder Populismus und unzählige Male wir werden, sollen, wollen, müssen, Optimusmus, Euphorie, und und...
Die politische Kultur ist agressiv geworden, und mein Text ist auch agressiv und trocken. Es ist nicht einfach zum Lesen - wie in einem Flugzettel wiederholt es sich ständig.
Ich traue mich nicht ihn abzugeben, weil es noch immer nicht die Lust zum Lesen weckt.
Verdammt, warum bewegen sich unsere Gefühle in so einem Kreis um sich selbst, aber strömen nicht wie ein Fluss?
Okay, noch einmal versuchen, aber diesmal von der anderen Seite kommen, und alles wieder relativieren.
Die politische Stimmung ist nämlich agressiv, aber das ist eine Herausforderung für alle. Wir können endlich eine offene Konfrontation führen, die jahrelang eingefroren war und, und...
Das ist auch nicht richtig. Die Stimmung ist verkrampft und die politische Kultur ist weit mehr als nur kantig geworden.
Jeder klagt jeden in der Politik. Diffamierung, Vernaderungen, Gestapo-Methoden, Jagdgesellschaft, Judas, Kriegserklärungen, Spitzeläffaren und noch viele andere Begriffe versuchen in unserer Tagesgeschehen einen Platz zu finden. Es ist zu grau geworden, um schöne Bilder zu zeichnen. Ist das die Herausforderung? Nein, das ist nicht die Konfrontation, die uns positive Signale ausstrahlt.

Wenn man das Hauptthema liest, wird man einen ähnlichen Kreis noch deutlicher sehen.
Flüchtlinge, dramatische Schicksale, Schikanen, Frustrationen, Rassismus, viele zebrochene Persönlichkeiten und deren verletzte Gefühle. Niemand denkt daran, zu diesem Thema humane Lösungen zu suchen.
Das heisst, Relativieren bringt auch nichts.
Es gibt nicht so viel zum Schönreden und positive Zeilen nebeneinanderzubringen, wenn der Alltag so gnadenlos auf diese hilflosen Menschen losgeht.
Was gibt es noch zu relativieren, um den Optimismus weiter aufrecht erhalten zu können?
Wo sind unsere sozialen Träume und Visionen? Sie sind vielleicht schon in der Vergangenheit geblieben.
Es erdrückt uns zu sehen, wie ein ökonomisch stabiles Wohlstandsland wie Österreich, so eine verkrampfte, polarisierte politische Streitkultur in sich verursacht und das auch salonfähig macht.
Ist das eine neue Form des heutigen europäischen Standards?
Es entwickelt sich wie eine neue soziale Deformierung, deren Korrektur in der demokratischen Gesellschaft sehr schmerzhaft werden könnte.
Noch unerträglicher ist es, dass diese aggressive Stimmung bei den kommenden Gemeinderatswahlen in Wien noch mehr ansteigen wird. Populistische Kräfte werden wieder auf Emotionen, Ängste und Vorurteile setzen, um dadurch Wählerstimmen zu erhalten.
Überzogene, fast fiktiv aufgebaute, vertauschte Opfer/Täterrollen, zum Beispiel beim tradionellen Thema Ausländer, werden mit professionellen Werbetricks gut verarbeitet und überall in der Stadt präsentiert.
Einerseits mit dem Ziel, die allgemeine Öffentlichkeit mit diesen Emotionen zu den Wahlzellen zu bringen, andererseits sogenannte Ausländer so einzuschüchtern, dass sie sich im Endeffekt vom gesellschaftlichen Zusammenleben entfremden.
Mehr Resignation bringt natürlich mehr Desintegration.
Sie werden schliesslich als Verursacher aller Probleme gezeigt, obwohl die wirklichen Auslöser der Konflikte woanders zu suchen sind.
Das Wesentliche daran ist, dass diese Menschen sich politisch nicht dagegen wehren können, weil sie keine politischen Rechte und Vertretungen haben.
Sie können höchstens schweigend zuschauen, wie in einem demokratischen Land ein politischer Missbrauch auf ihre Kosten passiert. Ironie der Demokratie ...
Auch eine neue Form des heutigen europäischen Standards?
Es klingt paradox, aber ich glaube, dass einige Politiker ziemlich glücklich sind in diesem Land Ausländer zu haben, welche nicht mehr nur als Arbeitskräfte, sondern auch als billiges politisches Mittel benützt werden können. Sie brauchen sie um für ihre populistischen Konzepte Wählerstimmen zu bekommen. Aber diese sogenannten Ausländer können mit diesen Politikern nicht glücklich sein.
Der Zeitdruck steigt und ich muss endlich einen halbwegs lesbaren Artikel abliefern. Mein Herz unter meinem linken Brustkorb fühlt sich noch mehr zusammengedrückt an und die Zeit läuft. Ich muss über den Zaun kommen.
Raus aus diesem Loch. Das bringt es auch nicht. Ich mache jetzt einen Kompromiss. Besser dort zu bleiben, wo die positive Stimmung noch existiert, wo viele Menschen noch ihren Optimismus haben und Solidarität ausstrahlen. Das ist vielleicht das Richtigste.
Das Redaktionsteam übernimmt meinen Artikel so wie er jetzt ist; ein grosses Foto solle dazu kommen. Mit Jugendlichen, die ihre Stimmung viel besser ausdrücken, als mein Artikel es jemals schaffen könnte, meine Gefühle rüber zu bringen. Ohne viel Kommentar.
Ist doch ein guter Kompromiss, oder?
Bülent Öztoplu
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