Einleitung

Das fünfte Element

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  Wenn wir die Situation der Jugendlichen zum Positiven

verändern wollen, müssen wir auch eine Plattform haben,

um gesehen und gehört zu werden.

Für eine Lobbyarbeit müssen aber bestimmte

Elemente zusammen kommen.

          

Gesellschaftspolitische, soziale oder kulturelle Gruppen, die keine Möglichkeit für eine direkte Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen haben, brauchen bestimmte Interessensvertretungen oder Plattformen, die ihren Bedürfnissen Gehör verschaffen können. Dies können Plattformen, sowohl für eine bestimmte oder aber auch für viele verschiedene Randgruppen der Gesellschaft sein, die den Personen Öffentlichkeit verleihen, um gesehen und gehört werden zu können. Dort werden Probleme und Bedürfnisse dargestellt und artikuliert aber im Endeffekt strebt die Plattform für diese Randgruppen eine bessere Lebensqualität in verschiedenen Bereichen an. 

Ein Beispiel ist die zweite Generation:
Wenn wir die Situation der Jugendlichen zum Positiven verändern wollen, müssen wir auch eine Plattform haben, um gesehen und gehört zu werden. 
Diese Plattform bezeichnen wir als Lobbyarbeit. Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, einen Überzeugungsprozess bei denjenigen zu schaffen, die bei politischen Entscheidungsprozessen direkt beteiligt sind und ihre Entscheidungen, auch im Interesse der Zweiten Generation treffen.
In letzter Zeit ist die Lobbyarbeit in Europa für Minderheiten eine der wichtigsten Mittel für gesellschaftliche Verbesserungsprozesse geworden. Es werden sogar immer mehr heterogene Plattformen gegründet, die beispielsweise ihre Anliegen in Zusammenarbeit mit Künstlern, Sportlern, Akademikern oder Intellektuellen, präsentieren. Diese Personen bringen sowohl ästhetische und künstlerische Kreativität als auch ihre spezifischen Kompetenzen ein und gestalten so die Lobbyarbeit ganz wesentlich mit. Ziel ist es, die gesellschaftlichen oder politischen Verbesserungen durch eine solche demokratische Überzeugungsarbeit oder durch diese Druckmittel überhaupt möglich zu machen.

Für eine Lobbyarbeit müssen aber bestimmte Elemente zusammen 
kommen. Das allererste Element für eine solche Plattform ist das Vorhandensein eines objektiv feststellbaren Bedarfs. Das ist der Grundstein aller Konfrontationen oder Bewegungen. 
Zweitens: Ideen oder Konzepte, die dem Bedarf entsprechen. Drittens: Mittel wie zum Beispiel: Infrastruktur, Geld, Organisation, materielle Mittel etc. 
Und viertens – was sehr wichtig ist: nämlich die Menschen, die den Bedarf sehen, die die Entwicklung wollen, sich mit bestimmten Ideen identifizieren, miteinander kommunizieren und sich organisieren, um sich gleichmässig in eine bestimmte Richtung bewegen zu können. Menschen, die Ideen und Emotionen haben. Ideen, um eine bessere Lebensqualität und Perspektiven schaffen. Menschen, die Willen, Wünsche, Freude, Euphorie, Ängste, Erwartungen, Phantasien, Zorn, Wut und viele andere Gefühle haben, die sich dann als starke Ambitionen bemerkbar machen.

Diese vier Elemente sind sehr wichtig für eine Lobbyarbeit und müssen unbedingt gemeinsam vorhanden sein. Es können Millionen an finanziellen Mitteln oder auch die beste Infrastruktur vorhanden sein, aber wenn kein Bedarf besteht für eine Artikulationsplattform, dann ist es ein Fehlschlag. Oder es können auch überschäumende Emotionen, steinharter Zorn oder aber auch eine romantische Zuneigung für ein bestimmtes Ziel da sein; das alles nützt aber nichts, wenn die Ideen und Konzepte fehlen. Die Plattformen können überhaupt nichts bewegen, wenn die Menschen sich mit diesen Ideen nicht identifizieren wollen. Ohne den Verbund dieser zuvor angeführten vier Elemente, können höchstens schöne Illusionen gepflegt werden oder die Plattformen sind dann nur Mitläufer im gesellschaftlichen Geschehen. Grundsätzlich finden wir alle einzelnen Elemente in unserer Gesellschaft vor, um aber eine positive Änderung zu erreichen, müssen alle vier zusammentreffen.

Wir als Echoten haben auch so angefangen. Wir waren natürlich am Anfang, nur eine kleine Gruppe Menschen – an einer Hand abzählbar. Aber wir wollten nicht nur das gesellschaftliche Geschehen ständig analysieren, jammern oder überhaupt nur über ein positives Lebensbild phantasieren, sondern wir wollten vielmehr etwas Sichtbares realisieren. Wir wollten also der Zweiten Generation Gehör verschaffen, weil wir die Zweite Generation damals als eine real existierende Gruppe wahrgenommen haben. Eine Gruppe auch mit ihren Problemen und ihren eigenen Bedürfnissen. Ihre Ambitionen hinsichtlich einer sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Konfrontration mit der österreichischen Gesellschaft, um dadurch eine bessere Lebensqualität zu erreichen, waren auch stark spürbar. Je grösser die Probleme oder Bedürfnisse waren, um so stärker war der Wunsch nach und die Lust auf eine Artikulationsplattform. Zorn über die Diskriminierung in der Gesellschaft, Wut auf Rassismus, die Lust auf eine positive Artikulation und noch viele andere Emotionen haben uns zu den Ideen geführt, aus denen sich unsere heutige Arbeit und das Echokonzept herauskristallisiert haben. Jugendliche, die Ideen und Ambitionen hatten, haben angefangen sich regelmässig zu treffen, miteinander zu kommunizieren, zu organisieren und an gemeinsamen Zielen zu arbeiten. Die Zweite Generation wollte etwas ändern. Eine der wichtigsten Beweggründe für unsere Arbeit, war die Schaffung einer Lobby für Jugendliche, die nicht das gleiche Schicksal haben wollten wie ihre Eltern.

Wir haben auch versucht, Mittel zu finden, um diese Ziele zu erreichen. Wir haben den Verein Echo gegründet, bei der Gemeinde Wien um finanzielle Mittel angesucht, Spenden gesammelt und Veranstaltungen organisiert. Einerseits haben wir die Zeitschrift produziert, um den Bedürfnissen des Gehört-, Gesehen- und Gelesenwerdens nachzukommen. Andererseits haben wir viele Aktionen organisiert, und haben dabei neue Menschen getroffen, die sich mit unseren Zielen identifizieren konnten und mitmachen wollten. Zum einen haben wir die pädagogische Jugendarbeit aufgebaut, um die alltäglichen Probleme der Zweiten Generation zu begleiten, zum anderen haben wir versucht, eine starke Medienarbeit zu machen, um die oftmals negativ besetzten Bilder der Zweiten Generation, zum Positiven zu verwandeln. Wir haben immer wieder diese vier Elemente gedanklich und praktisch miteinander verbunden, um eine wirksame Lobby für die Zweite Generation in der Gesellschaft erreichen. 

Aber es gibt noch ein Element, das wichtig und wesentlich ist für unsere Arbeit. Nämlich das fünfte Element. 
Das fünfte Element, das wir meinen, hat mit dem berühmten, gleichnamigen Film wenig zu tun, aber dennoch eines gemeinsam. Das fünfte Element ist nämlich der Schlüssel. Ohne dieses Element können wir die anderen Elemente nicht harmonisch miteinander verbinden.

Das fünfte Element, das sind die Persönlichkeiten, welche Fähigkeiten und Visionen haben und sich mit Echo, mit der Zweiten Generation und deren Bedürfnissen identifizieren. Diese Persönlichkeiten haben Echo zu dem gemacht, was es jetzt ist: ein Sprachrohr für die Zweite Generation. Ein Echo das sein eigenes Echo hat. Diese Persönlichkeiten sind meistens Visionäre. Sie tragen sozialromantische Ambitionen in sich, sind aber deshalb keineswegs Illusionisten. Ihre Persönlichkeiten haben eine Vorbildfunktion für die Zweite Generation. Sie sind auch Idealisten, wie es sie in der heutigen Zeit nur noch selten gibt. Die wollen statt nur mitzulaufen, die Zukunft aktiv mitgestalten. Sie wollen nicht nur gegen etwas protestieren oder etwas boykottieren sondern sie wollen in erster Linie produzieren. Sie fühlen sich von allem was uns angeht betroffen, aber ihre Persönlichkeiten sind so reif, das sie ihr “ich” mit unserem “wir” in Einklang bringen können. 
Sie haben eben die Fähigkeit, die anderen vier Elemente und somit viele Dimensionen miteinander zu kombinieren. Sie sind diejenigen, die etwas bewegen können. 

Wenn der (freiwillige oder bewusste) Integrationsprozess gelingen soll, ist es sinnlos, Rezepte aus der Theorieliteratur zu übernehmen und in den Alltag als fertige Lösungen einzubauen. Ebenso unmöglich ist es, dass die Jugendlichen ihre Wege einfach so, von selbst finden. Sie brauchen Vorbilder. Vorbilder mit denen sie sich identifizieren können, die sie beobachten können und von denen sie Vieles lernen können. 

Es ist wichtig, dass die Zweite Generation reale Beispiele in ihrer Nähe hat. Wie diese Vorbilder sich verhalten, sich artikulieren, wie sie lieben, oder sich konfrontieren ist dabei sehr wichtig. Wie sie mit ihren Rechten und Pflichten in der Gesellschaft umgehen, oder wie sie ihre Gefühle ausdrücken. Wie haben sie es geschafft, dort hinzugelangen, wo sie jetzt sind? Das sind realistische und 
wirklichkeitsgetreue Möglichkeiten für die Zweite Generation, sich immer wieder durch oder mit diesen Persönlichkeiten herauszufordern. Die Eltern der Jugendlichen, symbolisieren die Herkunft oder besser gesagt die Vergangenheit, die österreichische Gesellschaft die Zukunft, obwohl ihre Türe noch nicht so offen ist. 
Und jene Vorbilder, die sich für die Jugendlobbyarbeit engagieren, sind die Brücken zwischen diesen beiden Polen und können eine positive Mischung beider Teile erreichen.
Im dem Bereich, in dem sich die Zweite Generation befindet, ist das fünfte Element als Vorbild für die Jugendlichen sehr wichtig für einen Integrationsprozess. 
Während unserer siebenjahrigen echotischen Arbeit, haben sehr viele visionäre Persönlichkeiten in unserem Alltag wichtige Rollen gespielt. Vom Aufbau bis heute haben manche mit ihrem Enthusiasmus oder ihrem Organisationstalent, andere wiederum mit ihrer professionellen Jugendarbeit und ihrem Idealismus, mit uns mitgearbeitet und ihre Vorbild-rolle unvergesslich gemacht. Sie haben eine gute Mischung aus ihren eigenen Visionen und den Bedürfnissen der Jugendlichen zustande gebracht, ohne viel zu schütteln, aber gut gerüht - und diesen Cocktail der Vielfalt haben sie dann auch noch gut serviert. Sie waren auch immer wieder die Korrekturabsicherungen für unsere Fehler.

Einige begleiten uns nicht mehr in unserem Alltag, aber sie sind immer bei uns geblieben, und haben ihre Spuren hinterlassen. Eine Persönlichkeit, die in Zukunft auch nicht mehr mit uns sein wird, ist Irmi Novotny. Sie ist eine der wichtigsten Schlüsselpersonen, die in den letzten drei Jahren in unserer Jugendlobbyarbeit dabei war. Sie ist ausgebildete Sozialarbeiterin mit einem akademischen Grundstein (auf den sie nicht unbedingt stolz ist), eine professionelle Pädagogin mit sozialromantischen Visionen, eine gesellschaftpolitische Rebellin mit künstlerischem Talent und noch vieles mehr für uns. Eine Echotin, zu deren inhaltlicher Stärke alle Echoten mit Respekt aufschauen.

Sie hat sich für Echo engagiert, obwohl sie nicht direkt Zweite Generation ist, sich aber als Österreicherin stark von dieser Thematik betroffen fühlt. Sie wird in Zukunft nicht mehr den Alltag mit uns teilen, wird aber immer Visionärin für Echo bleiben. Wir werden ihre Arbeit als gemeinsame Richtlinie für Echo aufrecht erhalten.
Es ist für uns schmerzhaft, eine wichtige Persönlichkeit des Echohauses zu verlieren, aber wir müssen gerade deshalb auch weiter machen. Weil die Zweite Generation weiterhin noch objektive Bedürfnisse nach einer Artikulationsplattform hat und weil sie noch positive Vorbilder wie Irmi und andere Echoten braucht. Und auch diese Vorbilder erwarten von uns, dass wir weiter arbeiten. Wir werden weiterhin bewegen und Überzeugungsprozesse in der Gesellschaft, für ein demokratisches Österreich in Gang setzen, um für die Jugend einen besseren Platz zu erkämpfen.

Wir müssen weiter arbeiten, weil die Jugend und ihre Zweite Generation gerade heute mehr Visionen und ihr Echo braucht.

Bülent Öztoplu