Meinungen

Künstliche Integration 

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Bericht von der Podiumsdiskussion im Echo vom 17.2.00.

          

“Kann Kunst Ausdruck der gesellschaftlichen Situation sein?” 
fragt Doris Knecht am Donnerstag, den 17. Februar im Echo. Sie ist die Moderatorin einer Podiumsdiskussion zum Thema “Kunst und Integration”. Da Kunst als Mittel zur Integration für Echo einen sehr hohen Stellenwert hat, haben wir zehn Gäste eingeladen (was fast die räumlichen Möglichkeiten sprengte), gemeinsam diese Frage zu beantworten.
Die erste Antwort kommt gleich von Doris Knecht selbst: sie weist auf die Repolitisierung der Kunst durch die neue Regierung hin. Die Eröffnungsrunde startet Nora Sternfeld (Get to Attack, “Kunstman-agerin”) und meint, dass Kunst polarisieren und politisieren, nicht integrieren, muss. Teilweise stimmt ihr Herr Aret Güzel Aleksanyan vom Interkulttheater zu, allerdings soll Kunst nicht parteipolitisch sein: “Kunst muss Opposition bleiben.” Weiters greift er den Punkt auf, dass es schwierig ist, breite Massen anzusprechen, was aber für Integration notwendig ist, da ein Ansatz bei den Minderheiten zu nichts führt. Daraufhin meint Houchang Allahyari (Psychiater und Regiesseur, z.B. “Geboren in Absurdistan”), dass er nicht nur verbal sondern vor allem durch seine Kunst, nämlich das Filmemachen, eine große Menge ansprechen kann.
Irmi erklärt: “Echo, als Verein zur Integration, treibt diesen Prozess auf zwei Ebenen voran: einerseits auf der rechtlichen - eben mit dem Kampf um Gleichberechtigung, andererseits ist Integration ein gesellschaftlicher Prozess, der davon bestimmt wird, in wie weit sich jedes Individuum auf sein Gegenüber einlässt. Die Mehrheit erzeugt hierbei aber die Stimmung für oder gegen diesen Prozess.” Für sie ist Kunst Kommunikation und soll zu Diskussionen anregen. Nicht von vornherein politisch sondern ausgehend von der persönlichen Situation nähert sich Tom Darius Allahyari (Drehbuchautor und Regieassistent bei “Geboren in Absurdistan”) an das Thema eines neuen Films.
Andreas Salcher (Kulturausschussvorsitzender der ÖVP Wien) bezeichnet in seinem Intro die Kunst als mächtiger als die Politik, da diese eine längere Wirkung habe. Weiters bekräftigt er, dass in Wien immer noch eine rot-schwarze Koalition regiert und diese vor allem im Kulturbereich miteinander übereinstimmen. Es wird weiterhin keinen inhaltlichen Einfluss geben, aber natürlich budgetäre Einschränkungen. Er hält Film und auch Musik für integrativ höchst wirksam, da die Kenntnis des anderen zu einer Öffnung führt.
“Film wirkt nur beruhigend und vermittelt das Gefühl von Integration, führt aber nicht wirklich zu einer.” entgegnet Nora. Sie besteht darauf, dass in der momentanen Situation ein klarer Feind definiert werden muss. Auch kann die Kunst ihre Infrastruktur dem Widerstand zur Verfügung stellen.
“Das Hallamasch-Festival, ein ‘alle-zusammen-glücklich’-Festival, wird 
von der Krone unterstützt und ich finde das auch noch gut!” provoziert Andreas Hladky (Organisator von Hallamasch). Er meint, dass es gar keine Alternative zum Miteinander gibt. Die Bühne und die Leute auf und bei ihr propagieren die Selbstverständlichkeit des Zusammen-lebens, auch die 10% Krone-Leser, die auf der Stelle alle Ausländer rausschmeißen würden, sollen Hallamasch besuchen. “Aber nachher würden sie immer noch dasselbe tun!” heißt es und auch Andreas Hladky kann da nicht wirklich widersprechen. Ein weiterer Kritikpunkt kommt von Oliver Marchart (Philosoph und Autor): “Hallamasch hat kein Anliegen und falls es ein antirassistisches gäbe, da wäre auch das nicht erfüllt. Die Leute gehen zum Chinesen, Italiener oder zum Hallamasch-Festival aber trotzdem wählen sie blau oder unterschreiben ein Ausländervolksbegehren.”
Nora zeigt einen Widerspruch auf zwischen der Aussage, dass es kein politisches Anliegen gäbe und die ÖVP trotzdem behauptet, sie unterstütze Integration, weil sie ja Hallamasch unterstützt.
Sehr interessant war das Problem, das Herr Güzel Aleksanyan beschrieb: das Publikum im Interkulttheater oder auch beim Hallamasch sei immer gleich: keine breite Masse sondern ein denkendes, intellektuelles und gebildetes Publikum. Er hat großen Respekt vor den Zillertaler Schürzenjägern oder Tarkan, die mit ihrer Musik große Mengen von Leuten erreichen. Österreichische Jugendliche tanzen plötzlich zu einem türkischen Pop-Sänger, genau diese Situation sollte man aufgreifen und verwenden. Kunst soll aber nicht belehrend sondern bloß aufzeigend bleiben!
Nora sieht das Ganze nicht so negativ, da “man in dieser politischen Situation bei Leuten anfangen sollte, bei denen der erste Schritt nicht so schwer ist und die anderen werden nachziehen.” Auch die Medien, die zur Verfügung stehen, gehören genützt!
Tom wirft ein, dass der Künstler nicht mit dem Kunstwerk gleichgesetzt werden darf. Der Standpunkt des Künstlers muss nicht unbedingt in seinem Werk dargestellt sein. Aber der Künstler kann seine Popularität nützen um das zu tun. Ein konkretes Beispiel, dass Kunst etwas bewegt, ist für Irmi das Filmprojekt vom Kardinal-Nagl-Platz. Dort konnte man sehr schön sehen, dass nicht nur das Produkt etwas verändert sondern auch das Herstellen die Beteiligten zur Selbstreflexion bewegte. 
Auch Oliver Marchart meint, Projekte wie z.B. Echo geben Menschen Mittel sich darzustellen und bringen sie so zum Nachdenken über sich selbst und zu einer genaueren Definition ihres Standpunktes. 

 

 


Die Diskussion wendet sich einem neuen Thema zu: der Staatsbürgerschaft. Wieso diese plötzlich an Kenntnisse über die österreichische Geschichte und die EU gebunden ist, will Aret Güzel Aleksanyan wissen. Salcher behauptet zwar: “Das gab es schon vorher”, wird aber von einem Herren aus dem Publikum darauf hingewiesen, dass das falsch ist. Hladky sagt pragmatisch, dass es ihm 

“wurscht” sei, wer ihn vereinnahmt, da Hallamsch eigentlich nur ein Projekt im Wiener Kulturbereich sei. Ihn stört vor allem das schlechte Bild, das nun im Ausland für Jahre oder Jahrzehnte bestehen bleiben wird.
Die nächste Stimme aus dem Publikum sagt, dass Künstler nicht automatisch oppositionell oder antirassistisch sind und auch nicht von Amts wegen Stellung beziehen müssen. Aber natürlich können sie ihre Situation dafür nützen. 
In der Schlussrunde besteht Nora Sternfeld darauf, dass es nur Individuen gibt, die nun alle die Chance haben, sich zu positionieren und eine deutliche Positionierung sei wichtig für’s Ausland.
Oliver Marchart vertritt die Meinung, dass 99% der Haider-Wähler ihn wählen, weil sie von politischen Entscheidungen, die sie persönlich betreffen, ausgeschlossen werden. Wenn das geändert wird, wird auch nicht mehr alles auf die Regierung projiziert. “Anfangen muss man mit einer Sensibilisierung der Mehrheit”, meint Aret Güzel Aleksanyan und fordert: “Die hohe Kunst muss zu den anderen hinuntersteigen.”
Für Andreas Hladky ist das keine Schlussrunde sondern erst der Anfang. Er wünscht sich ein neues Österreich aus Selbstverständlichkeit. Aufeinander zugehen ist nicht gleichmachen sondern differenzieren.

Nach Tom Darius Allahyari muss jeder Künstler Stellung nehmen, vor allem in Form der Teilnahme an Demos. 

Andrea Kottmel