Redaktionssitzung 2
Wo könnte man ansetzen, um Integration zu fördern?
Die zweite Redaktionssitzung, in der das Thema Integration bearbeitet wurde, war vom Thema um einiges kompilizierter. Die Frage, wo man denn nun konkret ansetzen könnte, um das, was wir unter Integration verstehen, zu verwirklichen, war offensichtlich zu komplex. Immer wieder kehrte die Diskussion zurück zu schlechten Erlebnissen der Ausgrenzung und rassistischen Erfahrungen. Klar war mittlerweile für uns alle, was Integration heißen soll, und dass Toleranz weitaus nicht genug war. Aber wo ansetzen?
Statt eigene Konzepte zu überlegen haben wir uns statt dessen dann darauf konzentriert, unsere Meinung zu schon bekannten Vorschlägen auszutauschen.
Magda: Ich finde, dass Ausländer auch wählen sollten, weil es wichtig für sie ist, für ihre eigenen Rechte.
Eine wichtige Frage dabei war das Wahlrecht für BürgerInnen nicht österreichischer Staatsbürgerschaft. Im großen und ganzen waren sich die Jugendlichen einig, dass es ein Wahlrecht geben soll, für jene Personen, die ihren Lebensmittelpunkt in Österreich haben. Inländer wählen und Ausländer auch, die zum Beispiel mehr als zehn Jahre hier sind. Und die, die nicht lange da sind, die sollten nicht wählen gehen. (Ciyhad) Leute, die ein oder zwei Jahre hier sind, hier arbeiten und Steuern zahlen, sollen das Wahlrecht bekommen. Sie leben in diesem Land und sie sollen auch mitentscheiden, was da passiert. Für sie, mit ihren Steuern. (Aykut). Egal, ob er Staatsbürgerschaft hat oder nicht, er soll da wählen gehen, wenn er da lebt. Würde er nicht wählen dürfen, dann wäre er irgendwie ausgeliefert, kann nicht entscheiden, was gemacht werden soll. Das wäre unfair. (Djoe).
Von Ibo kam die Idee auch das Wahlalter herunterzusetzen. Wenn man erst mit 18 wählen darf, dann wird man reifer, aber wenn man schon früher wählen darf, wird man vielleicht schon früher reifer. Damit sich Jugendliche mehr für Politik interessieren, sollen sie wählen dürfen. Mario war ziemlich skeptisch, ob das gut umzusetzen wäre, denn er hat sich damals, mit 15,16 Jahren nur für seine Freunde interessiert und fürs Computerspielen. Julia meinte dazu, es müsste mehr Information geben. Ich sehe das in der Schule, wo der Klassensprecher gewählt werden soll, dass das den Leuten egal ist. Alle aber waren mit Ibo einer Meinung als er forderte: Politische Bildung kann ja auch in der Schule schon früher anfangen.
Thomas: Aber du hast ja die österreichische Staatsbürgerschaft.
Ibo: Aber trotzdem bin ich hier Ausländer.
Heiße Argumentationen umgaben das Thema doppelte Staatsbürgerschaft. Die meisten TeilnehmerInnen der Redaktionssitzung waren eher für eine doppelte Staatsbürgerschaft. Wir sahen diese als juristische Unterstützung in der Frage Wo gehöre ich dazu?, in einem positiven Sinne. Man müsste sich nicht mehr entscheiden für das eine oder andere Heimatland. Weil de facto sind die Jugendlichen der zweiten Generation einerseits in zwei Ländern zu Hause andererseits aber in keinem. Wäre schon gut, wenn ich könnte, hätte ich gerne beide Staatsbürgerschaften. Das ist ein Vorteil. (Attila) Die Entscheidung für die eine, die andere oder für beide Staatsbürgerschaften soll man dann aber jedem selbst überlassen (Julia). Jedoch auch hier sind nicht alle einer Meinung. Ibo sieht zum Beispiel nicht den Sinn, den so eine Möglichkeit bieten sollte. Doppelte Staatsbürgerschaft soll es nicht geben. Wenn man hier leben will, dann sollte man die Staatsbürgerschaft annehmen. Wozu braucht man dann noch die andere Staatsbürgerschaft? Nur für Grundstückbesitz, da gibt es andere Papiere. Zum Beispiel das rosa Papier (für die Türkei, Anm. der Red.), der Pass ist ja nur da, damit man wählen kann. Entschieden geht es aber darum, sich alle möglichen Probleme gut zu überlegen. Es gibt ja nicht nur das Militärproblem, es gibt sicher noch viele andere, die wir nicht verstehen, oder später erst erfahren. (Ibo) Es darf auch nicht so werden, dass durch die doppelte Staatsbürgerschaft erst wieder Menschen zweiter Klasse geschaffen werden, dadurch dass sie zwar die österreichische Staatsbürgerschaft, aber trotzdem kein Recht auf eine Gemeindebauwohnung haben,... Sonst bringt uns auch die doppelte Staatsbürgerschaft nichts. (Thomas)
Magda: Manche Jugendliche bekommen keine Arbeitsbewilligung, die sollten das schon kriegen, wenn sie hier leben.
Unfair fanden die Jugendlichen, dass die Sozialleistungen, die auch BürgerInnen nicht österreichischer Staatsbürgerschaft, selbstverständlich einzahlen müssen, ihnen dann aber im Notfall nicht zustehen. Aber durch eine Wahlberechtigung soll die Mitbestimmung über eben solche Fragen ermöglicht werden. Weil Wenn ich selber was davon hab, dann ist es o.k., dass ich zahlen muss. Aber ein Ausländer ohne Staatsbürgerschaft, der zahlen muss aber nichts dafür bekommt, das ist unfair. (Attila) Wir haben nix davon, dass wir die Sozialleistungen zahlen und das find ich nicht o.k. (Ciyhad) Unser Lösungsvorschlag diesbezüglich wäre: entweder soll das gleichgestellt werden oder für Ausländer abschaffen, dass sie das zahlen. (Julia) Weiters wäre eine Lösung für die Situation am Arbeitsmarkt dringend notwendig. Nach den Schilderungen der Jugendlichen kommt es hier am häufigsten zu diskriminierenden Äußerungen. Zusätzlich gibt es unnötige Probleme mit der Arbeitsbewilligung. Mehr Information für ausländische Arbeitnehmer, über Rechte, die sie an ihrem Arbeitsplatz haben (Aykut) könnte auch weiterhelfen.
Rückblickend betrachtet war es eine Diskussion darüber, wie man es den Menschen, die in diesem Land mit einer Staatsbürgerschaft leben, die nicht die österreichische ist, erleichtern könnte sich wohl zu fühlen. Es wären erste Schritte zur Gleichberechtigung unabhängig von Nation, Geschlecht oder Religion.