hauptthema

Neugier & Respekt

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Kann man Eigenschaften per Gesetz verordnen?

Integration, das ist heute ein großes Wort. Jeder verwendet es und jeder ist dafür. Aber nicht jeder versteht dasselbe darunter. Manche setzen Integration gleich mit Anpassung. Andere glauben wieder, Integration ist das genaue Gegenteil.
Für mich bedeutet Integration das Zusammenfügen verschiedener Teilgesellschaften zu einer Gesamtgesellschaft. Dabei kann keiner erwarten, dass das Produkt absolut homogen ist. Keine Gesellschaft besteht aus lauter gleichen Individuen. Aber alle Mitglieder haben einen Grundkonsens gemeinsam: gemeinsame Gesetze, gemeinsame Sprache, gemeinsame Ziele oder auch gemeinsame Musik, gemeinsamer Beruf - das hängt ganz von der Art der Gesellschaft ab.
Wenn sich eine solche aber erst einmal gebildet hat, dann haben es Außenstehende meist schwer, dieser beizutreten. Denn oft sind die Regeln und die Strukturen nicht klar ersichtlich und deswegen nicht befolgbar (denn um zu einer Gemeinschaft zu gehören, muss man sich auch deren Grundsätzen unterordnen. Kein Punker würde in eine katholische Studentenbewegung aufgenommen werden. Gut, das will er vermutlich auch gar nicht. Vielleicht ein schlechtes Beispiel...).
Und viele Gesellschaften wollen auch erst gar nicht, dass ihre Regeln von Außenstehenden verstanden werden. Denn dann wäre die „Mitgliedschaft“ leicht zugänglich und das führt oft zur Auflösung einer Gemeinschaft (wer will schon wo dabei sein, wo sowieso jeder dabei sein kann!). Aber genau das bedeutet Integration eigentlich: die Auflösung mehrerer starrer Gemeinschaftskriterien zu Gunsten einer neuen, großen aber flexibleren Gemeinschaft. Das heißt aber, dass jede Einzelgesellschaft einen Teil ihrer Regeln aufgeben muss, damit sich das neue Regelsystem nicht bei manchen Dingen selbst widerspricht. Die Frage ist nun, ob sie bereit sind, das zu tun und eine Änderung zulassen.
Hier darf man aber nicht vergessen, dass eine Gemeinschaft trotzdem immer nur ein Zusammenschluss von Einzelpersonen ist. Und jedes Mitglied der Gesellschaft reagiert alleine nicht so wie die Gesellschaft als Ganzes reagieren würde.

Deswegen denke ich, dass Integration etwas ist, das im Kleinen beginnen muss, bei den einzelnen Menschen, die dann ihre Haltung auf ihre Gesellschaft übertragen können.

Eine staatlich verordnete Integration ist daher als Initiator und Helfer der realen Integration zwischen Kleingruppen zu verstehen.
Das Wichtigste für den Erfolg dieses heiklen Vorgangs ist das langsame Kennen- und Verstehenlernen. Ob das jetzt bei einer Kulturveranstaltung oder auf einer Party oder beim Tratschen im Kaffeehaus ist (oder bei einem Jugendprojekt im Echo), das macht nicht viel Unterschied. Wichtig ist bloß die Einstellung der einzelnen Parteien zueinander, die Neugier auf den anderen und das Zulassen von Unterschieden. Integration bedeutet Respekt, und wenn das zu viel verlangt ist, muss wenigstens eine Akzeptanz gegenüber dem anderen existieren. Denn oft ist es sehr schwer, etwas Fremdes zu verstehen und dadurch respektieren zu können. Aber was ich nicht verstehe, kann ich immer noch akzeptieren. Ich muss ja immer davon ausgehen, dass auch mein Gegenüber bestimmte Dinge an mir nicht verstehen kann.
Genau da liegt aber der Haken: oft ist es nicht leicht, etwas nicht zu verstehen und trotzdem okay zu finden.
Überhaupt ist Integration eine sehr unsichere und heikle Angelegenheit, weil es mit sehr vielen individuellen Emotionen und Erfahrungen verknüpft ist. Und dadurch kann es passieren, dass jemand, dessen Versuch, sich zu integrieren, abgeblockt wurde, seinerseits den Versuch eines anderen abblockt und so ziemlich schnell eine negative Kette einleitet.

Deswegen gibt es außer Neugier und Akzeptanz noch eine sehr wichtige Eigenschaft für eine erfolgreiche Integration: Geduld.
Ich hoffe, wir alle können diese aufbringen und uns so besser verstehen lernen. Vor allem wir Jugendlichen müssen das schaffen, denn wir sind ja die Gesellschaft der Zukunft. Wenn unsere Eltern es nicht mehr vollständig schaffen, dann müssen wir uns erst recht bemühen. Vielleicht müssen unsere Kinder dann nicht mehr mit so viel Ausgrenzung leben.

Andrea Kottmel