Integration ist ein so brisantes Thema - zur Zeit mehr denn je auch in der Öffentlichkeit. Viele finden schöne Worte dafür und doch bleibt vieles davon oft nur Geschwätz. Wenn es um die konkreten Ansätze geht, man danach fragt, wie diese aussehen sollten, dann wird die Komplexität dieser Thematik sichtbar, weil sie sich über so viele Ebenen erstrecken: die gesellschaftspolitische, die rechtliche, die soziale und über psychologische - die ganz persönlich indviduelle Ebene. Integration ist sicher nicht die Anpassung, mit der sie gerne gleichgesetzt wird; Anpassung mit Integration gleichzusetzen, geht am Thema vorbei. Es geht um die Bereitschaft jemanden anzunehmen, wobei den Grad der Anpassung dieser jemand selbst bestimmt - Anpassung darf nicht gefordert werden. Zur Integration gehört die Einsicht dazu, dass Kommunikation auch ohne Gleichmacherei möglich ist. Es müssen Schritte des aufeinander Zugehens unternommen werden, wobei beide Seiten einen aktiven Part einnehmen.
Viele Jugendliche haben sich ihre eigene Meinung über Integration gebildet - was die Jugendlichen von Echo über Doppelstaatsbürgerschaft, Wahlrecht, Sozialleistungen oder Ethikunterricht statt Religionsunterricht denken, ist in dieser Ausgabe zu lesen. Und trotzdem, in dieser Diskussion wird oft nur der rechtliche Aspekt angesprochen. Integration ist viel mehr und ist nicht nur auf die Beziehung zwischen Ausländern und Inländern zu reduzieren. Meiner Meinung nach ist es auch ein Gefühl, das wir durch alltägliche Erfahrungen zu spüren bekommen - und das kennen wir alle, oder eben das genaue Gegenteil davon. Wenn wir zum Beispiel neue Leute kennenlernen oder zu einer Gruppe dazustoßen, sei es in der Schule oder in der Arbeit, schweben wie immer bei etwas Neuem auch einige Unsicherheitsgefühle mit: werden sie mich annehmen so wie ich bin? werde ich den Anforderungen entsprechen? werde ich meinen Meinungen Ausdruck verleihen können? und sind meine Ansichten überhaupt gefragt? wird sich jemand für mich interessieren?
Hier bei Echo funktioniert Integration. Es genügt nicht, wenn einer allein den Wunsch hat, sich zu integrieren, sondern die Bereitschaft muss bei allen gemeinsam vorhanden sein. Es genügt auch nicht, wenn das Zusammenleben nur im Kleinen, nur in den gegebenen vier Wänden, passiert. Integration ist ein Prozess, der an allen Seiten anzufangen hat und für den jeder die Verantwortung trägt.
So geht es letztendlich darum, in Politik und Gesellschaft die Voraussetzungen für eine integrationsbereite Gesellschaft zu schaffen. Wir brauchen gesellschaftliche Bedingungen, die Vorurteile nicht zu Ressentiments werden lassen, brauchen Lebenschancen, die die Suche nach Sündenböcken überflüssig machen und die gleichberechtigte Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller und sozialer Herkunft ermöglichen. Dazu gehören zuallererst klare Signale durch den Gesetzgeber, dazu gehören eine deutliche Absage an rassistisches Gedankengut und gegen gesellschaftliche und rechtliche Ausgrenzung von Minderheiten. Ausländer müssen rechtlich und im gesellschaftlichen Bewusstsein endlich zu dem gemacht werden, was sie tatsächlich zumeist schon sind: Inländer, die hier geboren und aufgewachsen sind. Ohne politisches Bewusstsein für die Meinungen der Minderheiten und ohne Bereitschaft die Stimmen der Betroffenen zu hören - wenn die message nicht ankommt - greift die Jugendarbeit zu kurz. Und hier brauchen wir die Jugendarbeit: Teil unserer Arbeit - Jugendarbeit, wie wir sie verstehen - ist auch Öffentlichkeitsarbeit. Unsere Aufgabe ist es, die Gesellschaft für unsere Forderungen zu sensibilisieren.
Wir Jugendarbeiter sind die Vermittler zwischen den Interessen der Jugendlichen und den Interessen der Politik. Natürlich verstehen wir uns als Interessensvertretung der Jugendlichen, aber nur diesen einen Aspekt zu sehen, würde heißen, die Feuerwehr zu spielen. Als Fundament ist die politische Bildung für Jugendarbeiter unverzichtbar. Daraus definieren sich die Anforderungen.
Eine gelungene Jugendarbeit soll einerseits die individuellen Fähigkeiten der Jugendlichen verstärken, die Jugendlichen selbst an die Probleme heranführen. So lernen sie, sich den Problemen selbstbewusst zu stellen und einen entsprechenden Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Gleichzeitig soll genau das an die Öffentlichkeit transportieren werden: Indem die Jugendarbeit die Fortschritte der Jugendlichen an die Öffentlichkeit bringt, wirkt sie als Herausforderung für die Gesellschaft im Integrationsprozess, und es sollte gelingen, Ängste und Vorurteile abzubauen.
Öffentlichkeitsarbeit bei Echo besteht also darin, über die Forderungen aber auch über das Selbstbewusstsein und die Bereitschaft der Jugendlichen zur Integration zu informieren. Die Jugendlichen sind im Begriff, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Als Folge davon sind sie selbstbewusste Diskussionspartner und können ernstzunehmende Antworten erwarten.
Von der Politik fordern wir dafür eine Unterstützung innovativer Jugendarbeit abseits staatlicher Institutionen sowie die Förderung dezentraler Jugendarbeit. Kleine Vereine, die engagiert, idealistisch und aus persönlicher Erfahrung heraus Jugendliche unterstützen und Projekte anbieten, sollen von staatlicher Seite unterstützt werden. Sie können gezielter, vor allem aber ideologisch pluralistischer agieren als ein staatlich gelenktes Erziehungssystem.
Weiters muss der Dialog zwischen sogenannten inländischen und sogenannten ausländischen Jugendlichen ermöglicht werden. Die Angebote sollen an alle Jugendlichen gerichtet sein und alle müssen gleichzeitig angesprochen werden können, denn Integration kann nur gemeinsam mit den inländischen Jugendlichen erfolgen. Dafür ist es notwendig, mehr Projekte in Siedlungen mit von rassistischen Ideologien gefärbten Jugendlichen zu unterstützen.
Die Jugendlichen brauchen mehr Freiräume für Selbstorganisation. Jugendarbeit soll ihre Partizipationsmöglichkeiten an der Gesellschaft fördern, ihr Engagement und ihre Situation ernst nehmen und für sie die Möglichkeit schaffen, sich zu artikulieren. Denn die Jugendlichen wollen mitreden. Sie wollen die unmittelbare Lebenssituation, in der sie sich befinden, mitgestalten. Sie wollen ein Recht auf Mitbestimmung.
Über die Zeitschrift ECHO haben sie die Gelegenheit, mit der Gesellschaft zu kommunizieren. Sie teilen ihre Meinungen, ihre Erfahrungen, ihre Wünsche, ihre Interessen, ihre Ziele, ihre Forderungen etc. der Öffentlichkeit mit. Und so wie die Jugendlichen selbst sollte auch die Jugendarbeit als solche Medienarbeit betreiben und die Leute über die politische Diskussion zueinander bringen: Kommunikation durch Artikulation. Indem die Jugendlichen ermutigt werden sich zu artikulieren, hilft es ihnen, ihr Selbstbewusstsein in der Gesellschaft zu stärken. Andererseits wird die Öffentlichkeit darauf aufmerksam, dass hier jemand ist, der seinen Platz in der Gesellschaft nicht nur einfordert sondern auch bereit ist einzunehmen.
Resumee: Wir als Vertreter der Jugendarbeit sehen uns als Schnittstelle zwischen den Jugendlichen, der Politik und der Gesellschaft. Das Ziel unserer Aufgabe ist es, dass die drei sich treffen und gemeinsam den Weg der Integration einschlagen und direkt miteinander kommunizieren. Unser Ziel ist dabei das eines jeden Vermittlers: Als Vermittler immer weniger notwendig zu sein.