Wie hat sich die Jugend in den letzten Jahren verändert? Ein sehr komplexes Thema, dass nicht ohne das Mitbedenken von sozialen und gesellschaftlichen Entwicklungen behandelt werden kann. Was bedeutet diese Veränderung vor allem auch für uns in der Jugendarbeit. Ich werde versuchen einige Hauptadern dieses Prozesses kurz zu verfolgen und meine Schlüsse daraus ziehen.
Jugend 1999, schwer zu definieren wo die Grenze hiefür gezogen werden soll, wenn doch scheinbar die ganze Gesellschaft nach immer mehr Jugendlichkeit strebt. Nachdem die Wirtschaft nach anfänglicher Ignorranz begonnen hat Jugendliche als Zielgruppe zu entdecken, wurden bestimmte Merkmale wie Flexibilität, Dynamik und Mobilität gleich in die gesamte Gesellschaft transformiert und zu dominierenden Idealen. Unabsichtlich haben Jugendkulturen dabei mitgeholfen die Kontrollgesellschaft, die ihre Werte hauptsächlich aus dem Status des Konsums ordert, zu etablieren und damit die Kulturindustrie (Mode, Sport, Musik,...) zum dominierenden Faktor zu machen. Traditionelle Institutionen wie Schule, Universität oder auch Armee stehen ständig zur Diskussion und der Prozess diesen Kontrollverlust durch andere Instrummentarien, die unser Leben in allen Bereichen durchziehen sollen, zu ersetzen schreitet permanent voran.
Ich kaufe, also bin ich.
Paralell zu dieser Entwicklung wurde auch geschickt das Ideal der Individualität (auch eine Einstellung, die Jugendkulturen so mitgeliefert haben) plaziert. Nur läuft diese Art der Individualität, die vom Staat und der Gesellschaft gewünscht wird, rein über Konsumgewohnheiten. Partizipation für Jugendliche in den gesellschaftspolitischen Gremien kann ich weit und breit keine entdecken, außer vielleicht in Feigenblattaufgaben.
Jugend wird erst dann wieder zum Thema wenn es um Horrorszenarien wie Drogen und Gewalt geht. Mit teils haarsträubend übertriebenen Schilderungen wird genußvoll zelebriert wie stark sich Jugend selbst zerstört und zur Bedrohung wird. Abgesehen davon, dass dieser Prozess in der dargestellten Form gar nicht existiert, wird auch hier klar, wie weit Jugend als Ideal der Gesellschaft akzeptiert wird, denn diese gespielte Aufregung suggeriert, dass alles, was die Jugend so treibt, ja auch ganz schnell die Erwachsenen treffen kann. In die Tiefe geht man bei solchen Themen selten, sie sollen nur als billige Schlagzeilenlieferanten herhalten. Soziale Ursachen werden einfach ausgeblendet und dann werden schnell ein paar Sozialarbeiter in die Krisenregion geschickt, die verhindern sollen, dass die restliche Welt mit den Konsequenzen der herrschenden Wirtschafts- und Sozialpolitik konfrontiert wird, außer auf den Seiten sensationslüsterner Magazine. Jugendliche ernstzunehmen passiert hauptsächlich über das Gefahrenpotential, das sie darstellen sollen und es ist kein Zufall, dass man lieber über die Abschaffung des gesonderten Jugendstrafvollzuges diskutiert als über die Senkung des Wahlalters.
Wer trägt das Kreuz?
Und dann wird über die Politikverdrossenheit der Jugend gejammert- Was dabei eigentlich mitschwingt ist die Trauer der Parteien, dass es um PARTEIpolitikverdrossenheit geht. Wie sollen sich Jugendliche denn mit Parteiprogrammen identifizieren, wenn diese größtenteils Ideologie entleert sind und es den Parteien auch nur mehr darum geht, sich möglichst zu verkaufen, als etwas zu verändern. Schöne Gesichter machen Politik, die Stimmung des Volkes wird aufgesaugt, scharfe Positionen werden tunlichst vermieden und alles scheint sich nur mehr darum zu drehen, irgendwie an der Macht zu bleiben. Egal wie beliebig das auch ausfallen mag. Alle 4 Jahre ein Kreuz an der richtigen Stelle und viele verwechseln das noch immer mit Mitbestimmung. Alles trifft sich in der Mitte. Minderheitenpolitik, bitte warten! Und Jugendliche dürfen sich`s daweil am Rand bequem machen.
Die kriese der arbeit
Die Politik der heutigen Tage hat es geschafft den Menschen zu vermitteln, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Wenn du es nicht schaffst, bist du selber schuld. Menschen glauben das. Wenn das nicht mehr ganz reicht, wird eben die Gesellschaft polarisiert. Ausländer gegen Inländer, um von den wahren sozialen Ursachen abzulenken. Am ehesten nachvollziehbar an der Arbeitsplatzthematik. Alles dreht sich um Arbeit, wobei verschwiegen wird, dass Arbeit für alle gar nicht mehr in der alten Form vorhanden ist. Vor allem für Jugendliche und alte Leute. Alle können sich darauf einigen, dass Arbeit deinen Status, deine Position in dieser Gesellschaft bestimmt. Aber es fallen immer mehr Leute raus, oder werden in dubioseste Beschäftigungsverhältnisse gedrängt. Praktisch, dass man bei diesem Vorgang auch gleich sämtliche Sozialgesetze demontieren kann. Hauptsache ist ja, dass man Arbeit hat, egal zu welchem Preis. Da trifft es vor allem die Jugendarbeit, die ja auch unter anderem die Aufgabe hat, genau diese, eigentlich nicht vorhandenen, Plätze zu schaffen. Man gerät in Argumentationsnotstand. Quotenplätze am Arbeitsmarkt für soziale Projekte ist da noch die geringste Forderung, die man stellen kann.
Jugendarbeit muss ein ausgewogenes Verhältnis herstellen zwischen der Lösung individueller Probleme und der gleichzeitigen Vermittlung, dass eben viele dieser Probleme, die auf den einzelnen wirken, nur kollektiv auf einer gesellschaftspolitischen Ebene gelöst werden können, sonst bleibt man ewig nur Feuerwehr, die mithilft die grundsätzliche Entwicklung sogar noch zu stützen. Man verdeckt die Fehler des Systems.

L état et moi
Für uns bei Echo ist es sichtbar, dass die Solidarität unter Jugendlichen geringer wird. Die Ellbogentechnik wird stärker. Man hat den Glauben daran verloren noch groß etwas verändern zu können. Man soll ja auch nichts anderes glauben. Punkto Fremdenfeindlichkeit ist dieser Prozess stark nachvollziehbar. Selbst die Betroffenen finden sich immer mehr damit ab. Ist ja auch kein Wunder, der Feind sind nicht mehr rechtsradikale Schlägertrupps, sondern der breite gesellschaftliche Konsens, weit über der 30% Marke, die eine offensichtlich populistische Partei rekrutieren kann. Die eine Partei hetzt, die anderen setzen die dafür entsprechenden Gesetze um. Und die Jugendlichen müssen sich mit den direkten Diskriminierungen in ihrem Lebensumfeld herumschlagen. Auch die Jugendarbeit hat meiner Ansicht viel versäumt. Ausländische Jugendliche wurden Ende der achtziger Jahre, aufgrund ihrer Kreativität und der ihr innewohnenden Dynamik, als sehr dankbare Zielgruppe zu entdecken. Diese jungen Menschen waren ihrer schwierigen Position sehr wohl bewusst und sie mussten einige Taktiken und Abwehrmechanismen zurechtlegen, um über die Runden zu kommen. Man war für jede Hilfe dankbar. Jugendarbeit begann sich auf diese Gruppe zu fokussieren und jetzt habe ich das Gefühl, dass diese Gruppe hauptsächlich dazu dient staatliche Sozialarbeit an und für sich zu rechtfertigen, um das eigene Überleben zu sichern. Natürlich ist das sehr überspitzt formuliert und dieser Vorwurf trifft ungerechtfertigterweise viele engagierte Leute, die in den letzten Jahren wunderbares geleistet haben. Aber es ist wichtig darüber nachzudenken. Ich denke, dass der Staat und die in diesem Feld tätigen unterschiedliche Zielsetzungen haben, ja vielleicht sogar haben müssen.
Jugendarbeit-
wenn du mich verlässt gehe ich mit dir
Die Entfremdung der Jugendlichen ist spürbar. Die Gruppen, in denen sich die Jugendlichen bewegen werden kleiner, auch der Park scheint nicht mehr Sozialisationspunkt Nr. 1 zu sein. Die Jugendlichen ziehen sich zurück in Lokale und in die Konsumtempel dieser Stadt. Jugendarbeit muss auch darauf in adäquater Form reagieren. Was ist mit den österreichischen Jugendlichen in den neu entstandenen Siedlungen am Stadtrand? Ein eigenes Kapitel, das es noch zu behandeln gilt. Für uns ist klar, dass es um Aufklärung gehen muss, zur Bewusstseinsmachung, daß viele Frustrationen soziale Ursachen haben. Politische Agitation ist notwendiger denn jeh, ohne zu polarisieren oder parteipolitisch zu werden. Und es darf auch nicht mehr darum gehen mit der Argumentation zu agieren, dass ausländische (was das auch immer sein mag) Mitbürger die Legitimation ihres Aufenthaltes darüber erhalten, daß sie für Österreicher die Drecksarbeit erledigen. Das ist nämlich auch Rassismus. Es geht um Stolz und Bewusstsein. Jugendliche der 2. Generation müssen in die Institutionen um nachhaltig etwas zu verbessern. Wir müssen ihnen dabei helfen. Wir müssen Gegenpositionen entwickeln, damit uns der rauhe gesellschaftliche Wind, der uns entgegenbläst, nicht einmal fortfegt. Dazu brauchen wir eine Basis und Solidarität unter den Betroffenen, ohne gebieterisch und vereinnahmend zu sein. Es geht um Lobbyarbeit, ohne Wenn und Aber!
Thomas Tesar
Jugendarbeiter in echo
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