hauptthema

Die Jugend- existiert sie?

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Fragenstellen... das ist oft genauso schwer wie Antworten finden.

Denn ohne die wichtigen Fragen bekommt man gar keine Antworten.

„Die Jugend heutzutage liebt den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute (...) widersprechen ihren Eltern (...) und tyrannisieren die Lehrer.“ ratet mal, wer das gesagt hat. Die ältere Frau vor euch in der Straßenbahn, euer Vater? Oder vielleicht Sokrates? Bei den ersten zwei weiß ich das nicht, aber letzterer hat das gesagt, und zwar zwischen 470 und 399 v. Chr.. Liegt da nicht die Vermutung nahe, dass sich „die Jugend“ (falls es so etwas überhaupt gibt) über zweitausend Jahre nicht verändert hat? Wieso hört man dann so oft Erwachsene behaupten: “Zu meiner Zeit war das noch ganz anders“? Gehen wir davon aus, dass erstere Aussage auf Unverständnis gegenüber Jugendlichen schließen läßt und letztere Aussage einfach die Vergangenheit verklärt (Eltern halten grundsätzlich die Schulzeit für die schönste ihres Lebens, wer aber selber dort hingeht, empfindet dies nicht unbedingt so). Dann bleibt immer noch die Frage offen, ob sich die Gesellschaft verändert, und mit ihr bzw. ihr voraus, (da die Jugendlichen von heute einen meinungsbildenden Großteil der Gesellschaft von morgen darstellen) auch die Jugend. Ich gehe einmal davon aus, dass sich die Gesellschaft durchaus verändert, schon alleine aufgrund von neuen Erfindungen und Entwicklungen, wie zum Beispiel Auto, Computer, Internet. Demnach müsste sich auch die Teilgesellschaft „Jugend“ verändern. Ganz offensichtlich richtig. Oder war deine Mutter Fan von Puff Daddy und hatte dein Vater mit 16 ein Handy?
Was passiert aber, wenn man zwischen „Gesellschaft“ und „Menschen“ unterscheidet?
Haben sich die Menschen verändert? Sind ihre grundsätzlichen Wünsche, Bedürfnisse und Ängste andere geworden?
Früher hatte ein Bauer Angst vor schlechtem Wetter, das ihm die Ernte ruinieren könnte und so sein Überleben gefährden würde. Heute hat man Angst vor dem nächsten Sparpaket oder der nächsten Rationalisierungswelle, aufgrund derer man seine Arbeit verlieren würde und dadurch auch einen Teil seiner Lebensqualität.
Also könnte es nicht sein, dass sich zwar „die Jugend“ verändert, die Jugendlichen aber im Großen und Ganzen gleich bleiben? Oder muss man gerade bei jungen Menschen davon ausgehen, dass sie leichter von äußeren Faktoren beeinflussbar sind und deswegen stärker von Entwicklungen ihrer Zeit geprägt werden? Dafür würde die Jugend der 60er bis 80er Jahre sprechen. In dieser Zeit gab es viele Bewegungen, die eine große Veränderung der Gesellschaft bewirken wollten. Die Punks und Anarchos wollten ein Ende aller Systeme herbeiführen, die Hippies wollten Frieden und Freiheit, und so weiter. Egal was für eine Ideologie oder was für ein Ziel die einzelnen Bewegungen hatten, eine war ihnen gemeinsam: sie glaubten daran, die gesamte Gesellschaft verändern zu können.

Seid ehrlich, ECHOten, glaubt ihr daran, alle ÖsterreicherInnen dazu bringen, keine Vorurteile mehr zu haben? Das ist wohl kaum realistisch, oder?

Und genau das ist der Unterschied der 90er Jahre gegenüber den Jahrzehnten bevor. Die Fachliteratur verwendet dafür Begriffe wie „Postoptimisten“ oder „Individulisierung“.
Postoptimisten sind Leute, die glauben zu wissen, was zu tun wäre, aber gleichzeitig keinerlei Hoffnung haben, dass das jemals in die Praxis umgesetzt wird. In kleinen, persönlich betreffenden Bereichen engagiert sich diese Gruppe trotzdem, aber nur für realisitische und zeitlich erreichbare Ziele.
Individualisten übernehmen mehr Verantwortung für sich selbst, sind auch besser über ihre (z.B. beruflichen) Chancen informiert und verlassen sich weniger auf traditionelle Lebensentwürfe (also z.B. Lehre-Arbeit-Ehe-Kinder-Pension). Auf der anderen Seite zeigen Individualisten einen Hang zum Egoismus und fehlende Solidarität, da der Grundsatz „jeder muss für sich selbst sorgen“ wieder in wird.
Als ich diese beiden Beschreibungen für den durchschnittlichen heutigen Jugendlichen gelesen habe, musste ich natürlich sofort an Echo denken und das Gehörte mit meiner Erfahrung dort vergleichen. Postoptimismus? Nun ja, in gewisser Weise schon. Jeder in Echo hat schon einmal Bekanntschaft mit den starren Mauern des Systems gemacht und danach den Traum einer idealen Gesellschaft beiseite geschoben. Aber Engagement nur in einem Bereich, der mich persönlich betrifft, das trifft auf viele ECHOten auch nicht zu. Sie selbst haben keine Pobleme, solidarisieren sich aber mit Freunden oder Jugendlichen, die möglicherweise später noch zu Freunden werden und treten gemeinsam gegen etwas auf. Und ausserdem: der postoptimistische Glaube an die Unveränderbarkeit der Gesellschaft beteutet für ECHO nicht Resignation und Aufgabe, sondern erst Recht ständig andere zu fordern und zu appelieren, sich zu verändern (oder das System), nachzudenken, sich zu solidarisieren.
Individualisten, die nur Spaß haben wollen, sind Echoten auch nicht, obwohl das Übernehmen von Verantwortung für sich selbst und das Finden von neuen Chancen durchaus als Ziel von ECHO betrachtet werden könnte. Aber bezüglich der Definition von Individualisten fehlt eben die fehlende Solidarität.
Also ist ECHO anders als die Jugendforscher vermuten würden? Wenn ja, woran liegt das? An ECHO und den einzelnen Personen darin? An der speziellen Lage der 2. Generation?
Oder sind die Jugendlichen einfach nicht so wie die Forscher sie gerne haben würden?
Vermutlich ist es von allem etwas. Die Frage, ob sich die Jugendlichen in ECHO verändern oder ob sich nur der Blickwinkel der einzelnen ECHOten mit dem Alter verändert, bleibt ungeklärt. Es ist ein physikalisches Gesetz, dass man keine Messung durchführen kann, ohne in den zu messenden Vorgang einzugreifen. Wie willst du also messen, von dem du ein Bestandteil bist? Und in ECHO ist jeder ein Bestandteil des Ganzes.

Andrea Kottmel (18)