
Baris sitzt da und schaut in die Luft. Viel mehr gibt es auch nicht zu tun. Nicht in der Wohnung, die Baris und seine Familie nur zur Hälfte benutzen dürfen, weil ein Zimmer für die Besitzerin abgesperrt ist, die einmal im Jahr aus Deutschland kommt. Nicht in Yerköy, der kleinen Stadt, grau und sinnlos ins Nichts gebaut. Zerbröckelnde Häuser für 26.000 Einwohner, schmutzige Straßen, ein Busbahnhof, aus. Es ist schiach da, oder, sagt Baris, und das ist keine Frage, sondern eine Feststellung.
Seit zwei Wochen, seit er aus Wien abgeschoben wurde, ist er in Yerköy, drei Stunden von Ankara entfernt. Er hat eine Garnitur Gewand da und keine Freunde: Lebt er doch erstmals in seinem Leben hier. Nachdem er nach Wien übersiedelt ist, vor fünf Jahren, haben seine Eltern ihr Dorf, Mahmutlu, verlassen und sich in Yerköy eingemietet. Weil dort Baris Brüder, 13 und 17 Jahre alt, Jobs fanden, wenn auch schlechte: Sie arbeiten um 500 Schilling pro Monat in der Autowerkstatt. -
So hat der Standard-Artikel über Baris Keles, den wir in der Türkei besucht haben, angefangen - und von Echo-Mitarbeitern bin ich dafür auch kritisiert worden. Wegen des angeblich zu tristen Bildes der Türkei, das dadurch vermittelt wird. Nur: Baris sieht Yerköy und Mahmutlu, die Orte, in denen er lebt, derzeit so: Trist, nichts als trist. Er versteht nicht, warum seine Eltern nicht versuchen, ein besseres Leben zu führen, er weiß nichts mit sich und seinem Leben dort anzufangen. In Wien, da hat er viele Dinge zu tun gewußt, die ihm Spaß machen, und er hat viele Menschen gehabt, die ihn gern haben und die er gern hat.

Diese Menschen setzen sich für ihn ein, schreiben Briefe, sammeln Unterschriften, organisieren Parties und Veranstaltungen für ihn und versuchen so, die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Wenn Baris Glück hat, wird dieser Einsatz Erfolg haben: Innenminister Karl Schlögl und Wiens Integrationsstadträtin Renate Brauner haben in Aussicht gestellt, daß er vielleicht wieder einreisen und bleiben darf.
Das wäre schön für Baris, weil er wieder nach Hause, nach Wien, kommen kann. Das wäre schön für all seine Freunde, weil sich ihr Einsatz gelohnt hätte. Nur: Das ist eine Lösung von Baris` Problem - nicht aber des Problems der papierlosen Jugendlichen. Denn Baris ist kein Einzelfall: Laut dem Wiener Jugendanwalt Anton Schmidt leben etwa 200 Kinder und Jugendliche ohne Papiere in Wien - meist, weil ihre Eltern versäumt haben, sich um ein Visum für die Kinder zu kümmern. Wer ohne Visum oder mit einem Touristenvisum über die Grenze gereist ist, hat es danach sehr schwer bis unmöglich, seinen Aufenthalt zu legalisieren - weil nach dem Prinzip einmal illegal, immer illegal vorgegangen wird. Jedem dieser 200 Jugendlichen kann theoretisch morgen passieren, was Baris passiert ist: Ausweiskontrolle, Schubhaft, Abschiebung in ein Land, das fremd geworden ist.
Daher wäre es wichtig, für Jugendliche, die ohne eigene Schuld illegal in Österreich leben, eine generelle Lösung zu finden. Damit sie legal hier bleiben können, damit sie sich eine Arbeit suchen und ein Leben aufbauen können.
Wenn das, was Baris passiert ist, dazu beitragen kann, bei Politikern Bewußtsein dafür zu schaffen, daß es papierlose Jugendliche gibt und welche Probleme sie haben - dann hätte diese Geschichte wenigstens ein Gutes.
Und vielleicht hat ja seine Geschichte sogar ein happy end. Dann hat Echo das Unmögliche möglich gemacht - und ihn wieder zurück nach Österreich geholt.
Eva Linsinger
Redakteurin bei Der Standard
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