Editorial

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Als wir diese Ausgabe vorbereiteten, empfand Österreich große Trauer für die Lawinenunglücksopfer. Als Echo sind wir sehr traurig und wünschen unser tiefstes Beileid. Wir haben auch gesehen,daß die Menschen, egal aus welcher Gesellschaftsschicht, von solchen Unglücken tief betroffen und traurig sind.

D
ie zweite Generation erlebt auch sehr schmerzhafte Lawinen und deren Opfer in letzter Zeit. Natürlich ist diese Lawine ein politisches Element, das seine Opfer mit Abschiebungen unter sich begräbt. Es handelt sich hier selbstverständlich nicht um Todesopfer, die uns alle mit Trauer schockiert haben, sondern um Schicksale, die nicht unbedingt sein müssen und die durch Menschenhand verhindert werden könnten. Schicksale, die mit politischem Willen zu tun haben.

In letzter Zeit sind sehr viele Jugendliche der zweiten Generation abgeschoben worden, obwohl sie schuldlos „papierlos“ geworden sind und sie in diesem Land integriert waren. Ihr werdet auch in dieser Ausgabe über Baris lesen, der das aktuellste Beispiel dafür ist. Aber er ist kein Einzellfall. Hunderte Jugendliche sind auch davon betroffen. Es gibt so viele Jugendliche, die seit Jahren hier integriert leben, in die Schule gehen und jeden Tag damit rechnen müssen einfach in ein anderes, fremdes Land abgeschoben werden zu können. Jugendliche haben diese komplizierten Fremdengesetze nicht gemacht. Als Minderjährige haben sie ihren Aufenthalt nicht selbst in Gefahr gebracht, aber müssen dafür zahlen. Das ist unfair.

Diese Problematik mit einer Lawine zu vergleichen, ist vielleicht zu stark, aber unsere Gefühle, die durch Abschiebungen so verletzt werden, zwingen uns solche Vergleiche zu machen. In dieser Ausgabe werden LeserInnen sofort merken, daß mindestens die Hälfte der Jugendlichen, die in der Zeitschrift abgedruckt sind, traurige, betroffene und zornige Gesichter vorweisen. Jeder Einzelfall eines Abgeschobenen bedeutet einen tiefen Riss ins Herz der zweiten Generation und im Integrationsprozess.

Als JugendarbeiterInnen, die wir in diesem Bereich arbeiten, haben wir auch widersprüchliche Gefühle und Arbeitszustände. Einerseits müssen wir mit den finanziellen Mitteln der Stadt eine freiwillige Integration fördern und Jugendlichen in diesem Land zu einer positiven Zukunft verhelfen, aber andererseits jeden Tag in der Angst leben „wer der Nächste ist, der trotz unserer Integrationsarbeit abgeschoben wird?“ Entweder haben die Politiker nicht genügend Überzeugung, daß wir in dieser Problematik ernstgenommen werden wollen, oder unser Engagement wird nur als Auslage benützt. Wir müssen hiernochmal klar zum Ausdruck bringen, daß diese Abschiebungslawine, die ihre Opfer unaufhaltsam in tausend Kilometer entfernte Länder mitreißt, gestoppt und positiv bearbeitet werden muß. Sonst werden wir jeden Tag noch mehr spüren, daß der Integrationsprozess, durch solche dramatischen Fälle seine Wunden in Zukunft als sichtbare Narben tragen wird. Wenn der österreichische Staat einen Baris oder hunderte andere abschieben will, kann auch von Jugendlichen nicht erwartet werden, daß sie einfach vergessen und sich mit diesem Land identifizieren sollen.

Als Echo, einer Artikulationsplattform der Jugendlichen, können wir nicht nur von einer Institution reden, die für diese Probleme zuständig ist, sondern alle Parteien, Einrichtungen, gesellschaftlichen Schichten, die Exekutive, die Justiz, Gesetzgebung und der Sozialbereich sind im Integrationprozess gemeinsam verantwortlich, Jugendlichen eine sichere und gleichberechtigte Zukunft zu garantieren. Wir können jetzt nicht sagen „das Boot ist voll“ und junge Menschen, die nicht diese Probleme verursacht haben, sollen ins Wasser springen.

Als Integrationsplattform Echo werden wir auch sicher nicht eine Schaufensterrolle spielen, um unsere engagierte Existenz mit den wahren Problemen ausgleichen zu müssen. Wir können nicht immer begeistert auftreten und sagen was für tolle Projekte wir machen. Wir können auch nicht immer sagen wie stark wir Unterstützungen von Institionen bekommen und wie gut Jugendarbeit in diesem Staat geleistet wird. Es ist uns bewußt, daß unser Engagement und Optimismus weiter für die österreichische Gesellschaft möglich ist, wenn wir auch bei unserer Arbeit ernstgenommen werden. Selbstverständlich schätzen wir die Unterstützungen für Einzelfälle vom Innenministerium, die humanitäre Lösungen bringt oder Hilfe, die unsere Arbeit im Sozialbereich absichern will, aber wir wollen eine sichere und grundsätzliche Rückendeckung, die wir als Vorbildfunktion zur nächsten Generation übertragen können. Die zweite Generation will nicht immer wieder von der politischen Seite hin und her geschoben werden, sondern mit gerechten und konkreten Zukunftperspektiven in diesem demokratischen Land, das ihre Heimat ist, leben.

Für die Echoten ist dieses Jahr sehr wichtig um zu sehen, ob unsere aktive Teilnahme im Integrationsbereich ernst genommen wird, damit wir weiter enthusiastische Bilder für die zweite Generation zeichnen können oder einfach die Realität schmerzhaft einsehen und unsere sozialromantischen Visionen aufgeben müssen. Das Wesentliche bei diesem Prozeß ist, daß wir Eure Unterstützung sehr angenehm spüren und immer darauf zählen können.


Bülent Öztoplu